Digitale Gewalt: Beratung und Strategien gegen Hass im Netz
Hass im Netz trifft immer mehr Menschen. Organisationen wie HateAid und LOVE-Storm zeigen, wie Betroffene sich schützen, Beweise sichern und digitale Zivilcourage stärken können.
6. Feb 2026·1 Minute Lesezeit
Belästigungen und Hasskommentare in Netzwerken im Internet sind inzwischen leider Alltag - Imago / Panthermedia
Friedrich Merz ist „geisteskrank“, Bärbel Bas die „Hauptschülerin“ und Luisa Neubauer ein „Wohlstandskind“. Die auf Facebook zu findenden Beschimpfungen sind nur einige von vielen Hasskommentaren, die dem Bundeskanzler (CDU), seiner Arbeitsministerin (SPD) und der Klimaaktivistin entgegenwehen. Hass im Netz ist allgegenwärtig, viele Menschen erleben Ähnliches. Da ist es gut, wenn Betroffene wissen, wie sie reagieren und sich schützen können.
Digitale Gewalt: Menschen zum Schweigen bringen
Die Organisation „HateAid“ aus Berlin, die sich „gegen digitale Gewalt und ihre Folgen“ engagiert, versteht hierunter „technologiegestützte Angriffe, die Menschen einschüchtern, herabwürdigen oder zum Schweigen bringen sollen“, sagt Geschäftsführerin Josephine Ballon. Die Erscheinungsformen reichen „von Beschimpfungen und Vergewaltigungsandrohungen in den Kommentarspalten bis hin zur Verbreitung der Privatanschrift oder sexualisierten Deepfakes“.
Cybermobbing unter Teenagern kann zu Depressionen führen (Archivbild) - Imago / photothek
Ballon erläutert, „Digitale Gewalt“ sei kein juristischer Begriff. Oft würden sich dahinter aber Straftaten wie Beleidigungen, Bedrohungen oder Verleumdung verbergen.
Hass im Netz: Bestimmte Opfergruppen
Betroffen könne grundsätzlich jeder Mensch sein. Studien zeigten aber, dass Politikerinnen, Politiker, Aktivistinnen, Aktivisten, Frauen, queere Menschen, Geflüchtete und Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund überdurchschnittlich häufig Ziel digitaler Gewalt seien.
Viele Betroffene würden von Angstzuständen, Stress, Schlaflosigkeit, Scham und Ohnmachtsgefühlen berichten. Psychisch könne das für diese Personen extrem belastend sein, zudem habe es Folgen: „Menschen beteiligen sich nicht mehr an Debatten, schließen ihre Accounts oder halten sich zu bestimmten Themen zurück“, sagt Ballon. Das sei „menschlich nachvollziehbar, für die öffentliche Debatte jedoch fatal“, denn: „Wenn sich alle zurückziehen, überlassen wir denen das Feld, die am lautesten schreien.“
„HateAid“ bietet für Betroffene Beratung und leistet rechtliche Unterstützung. Ballon rät dazu, „Vorfälle frühzeitig zu dokumentieren und Beweise rechtssicher zu sichern, etwa durch Screenshots, bevor Inhalte gelöscht werden“.
HateAid: Maßnahmen gegen den Hass
Die Organisation berät auch zu digitaler Selbstverteidigung und präventiven Maßnahmen. „Wir beraten zum Beispiel zum sicheren Umgang mit Passwörtern, zur Nutzung von Passwort-Managern und Zwei-Faktor-Authentifizierung sowie zur Trennung unterschiedlicher Accounts und E-Mail-Adressen“, sagt Ballon. Zudem empfehle HateAid, „regelmäßig zu überprüfen, welche Informationen online über einen selbst auffindbar sind, Privatsphäre-Einstellungen anzupassen und sensibel mit Standort- und Hintergrundinformationen in Bildern oder Posts umzugehen“. Ein Rat sei, einen persönlichen Krisenplan zu erstellen, der festhalte, „wer im Ernstfall unterstützt und welche Schritte dann sinnvoll sind“.
Das Projekt „LOVE-Storm“ aus Lüchow bietet einen Online-Kurs zum Umgang mit Stress und Trauma bei digitaler Gewalt sowie Trainings in digitaler Zivilcourage an. Bei den Trainings lernen Teilnehmende in Rollenspielen, „wie sie Angegriffene stärken, Zuschauende gegen den Hass mobilisieren und Hass stoppen können“, sagt Projektgründer Björn Kunter.
Solidarität mit den Opfern
Auf seiner Website bietet „LOVE-Storm“ die „10 Tipps gegen Hass im Netz“ an. Einer lautet: „Such Dir Hilfe.“ Kunter betont: „Hass im Netz hat nichts mit dir zu tun. Wer Dich nicht kennt und/oder übergriffig angreift, sucht nur ein Ventil für seine Aggressionen.“ Er rät Betroffenen, eine befreundete Person hinzuzuziehen, die emotional unterstütze und verhindere, dass jemand „im Rabbit-Hole des Hasses versinkt“. Bei einem Shitstorm helfe es auch, wenn jemand anderes alle Kommentare sortiert und filtert, sodass die betroffene Person diese nicht selbst lesen muss.
Damit digitale Selbstverteidigung gelingt, braucht es nach Kunters Ansicht Solidarität. „Wenn wir Angegriffene stärken und die Zuschauenden mobilisieren, findet Hass keine Resonanz und bleibt mickrig. Und selbst wenn ein Forum voller Hassender ist, so lässt sich die Welt besser ertragen, wenn wir diejenigen sehen, die dem Hass widersprechen und uns gegenseitig stärken.“
Algorithmen verändern
Genau das tut der Hamburger Verein „ichbinhier“, dessen Facebook-Gruppe rund 40.000 Ehrenamtliche angehören. Entdecken diese im Netz Hass-Kommentare, teilen sie die Beiträge in der Gruppe und verfassen Gegenkommentare.
„Wir versuchen, die Algorithmen so zu verändern, dass nicht nur hasserfüllte Kommentare im Fokus stehen oder als Erstes angezeigt werden“, sagt 1. Vorständin Juliane Chakrabarti. In ihren Kommentaren brächten die Ehrenamtlichen „etwa zum Ausdruck, dass wir anderer Meinung sind als die Person, die vor uns kommentiert hat, oder dass diese Person eine Falschinformation verbreitet hat“, erläutert Chakrabarti. „Und wir versuchen, weitere Menschen dazu zu bewegen, das ebenfalls zu tun.“