Herr Waskowycz, wie gefährlich ist die Arbeit vor Ort aktuell?
Es gibt in der Ukraine keinen Punkt, der sicher ist. Vielleicht noch einige Städte und Gebiete im Südwesten des Landes, wo es kaum Raketenangriffe gibt. Aber ansonsten ist eigentlich jede Stadt, jedes Gebiet von Raketenangriffen bedroht. Ziel der Angriffe, vor allem in den Großstädten, ist die zivile Infrastruktur. Nicht nur die, denen wir helfen, sind von der Versorgung mit Wasser, Wärme und Strom betroffen, sondern auch wir als Organisation.
Sie waren gerade mit dem Direktor der Diakonie Katastrophenhilfe, Martin Keßler, in der Ukraine unterwegs. Was haben Sie gesehen?
Die Menschen sind abgeschnitten von der Versorgung. Ein Beispiel: Eine Familie, eine Frau mir fünf Kindern, Binnenflüchtlinge, lebt im 17. Stock eines Wohnhauses. Kein Wasser, kein Strom, kein Aufzug. Die Kinder tragen nun das Wasser in den 17. Stock. Ältere, gebrechliche Menschen, können ihr Wohnungen gar nicht mehr verlassen. Sie sind auf Hilfe durch Nachbarn und Organisationen angewiesen, damit sie überhaupt noch eine warme Mahlzeit bekommen. An manchen Orten können Wärmezelte angeboten werden, damit Menschen für einen Moment der Kälte entkommen können.
Kälte als Waffe – sind diese gezielten Angriffe durch Russland auf die Energieinfrastruktur Ihrer Einschätzung nach völkerrechtswidrig?
Alle Experten sprechen von einem völkerrechtswidrigen Vergehen. In der Ukraine spricht man sogar von genozidären Absichten. Die Menschen sind eigentlich gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen. Man vertreibt sie aus den Städten. Hunderttausende sollen es in Kyjiw sein. Das Menschen in ihren Wohnungen erfrieren könnten, wird in Kauf genommen.
Vulnerable Gruppen sind hier physisch besonders betroffen. Aber welche Auswirkungen hat diese Art der Kriegsführung auf die Psyche und wie wirkt sich das wiederrum auf das Kriegsgeschehen aus?
Die Menschen sind sehr angespannt. Wir erleben das täglich in unserer Arbeit: sie sind beständig fixiert auf den Beschuss, zusätzlich noch auf die Probleme, durch die Angriffe auf kritische Infrastruktur. Vor allem Familien mit Kindern sind sehr sorgenvoll in der aktuellen Situation.
"Ukraine braucht Gaskocher und Heizgeräte – dringend"
Noch vor diesem Winter haben internationale Organisationen davon gesprochen, dass 17 Millionen Menschen in der Ukraine psychosoziale Betreuung brauchen – traumatisiert vom Kriegsgeschehen. Ein zusätzlicher Faktor ist jetzt die Kälte, die sie erleben.
Was wird gerade am dringendsten benötigt, um den Menschen zu helfen?
Lebensmittel, Heizmaterial, Gutscheine und Bargeld, um beispielsweise die Heizkosten zu deckeln. Weitere Dinge sind Heizgeräte, Bettdecken, Ladegeräte, Gaskocher und Winterkleidung. Die Ukraine ist ein entwickeltes Land, aber in der aktuellen Situation müssen viele Menschen zwei oder drei Winterjacken anziehen, um es in den Wohnungen aushalten zu können. Wir setzen als Diakonie Katastrophenhilfe neben materieller Hilfe vor allem auf Bargeldhilfe, damit die Ukrainer sich das Nötigste besorgen können und diesen Winter überstehen.

Als jemand der vor Ort arbeitet, welchen Wunsch an die Bundesregierung haben Sie?
Es ist überlebenswichtig für die Ukraine, dass sie weiter auf die Unterstützung zählen kann. Humanitäre Hilfe muss neben der militärischen Hilfe weiterlaufen. Die Ressourcen in der Ukraine sind nach vier Jahren Krieg vollkommen aufgebraucht.
Welche Rolle spielt die Diakonie Katastrophenhilfe aktuell in der humanitären Hilfe in der Ukraine und wo genau?
Die Diakonie Katastrophenhilfe ist schon seit 2014 in der Ukraine tätig. 2022, nach dem Großangriff auf die Ukraine, hat sie ihre Aktivitäten deutlich ausgeweitet und von Anfang an mit regionalen Partnern zusammengearbeitet. Sie ist sowohl in der Zentralukraine, im Westen und in den östlichen Gebieten tätig. Dort sind das vor allem die Städte Charkiw und anliegende Gebiete, Dnipro und im Süden Saporischschja.
Gibt es Orte, die nicht für Hilfe erreichbar sind?
Wir versuchen die Schwerpunkte grundsätzlich dort zu legen, wo humanitäre Hilfe am notwendigsten ist. Das ist in den Frontgebieten – also in den Zonen, die heute entlang der Front zugänglich sind. Zum von Russland annektierten und okkupierten Teil der Ukraine bekommen wir keinen Zugang.
Was ist mit den Menschen dort?
Die internationale humanitäre Gemeinschaft möchte gern in diesen Gebieten tätig werden, aber das ist bisher nicht möglich. Genaue und verlässliche Informationen zur Situation der Zivilbevölkerung dort liegen uns nicht vor.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Projektpartnern vor Ort, den lokalen NGOs, und welche Vorteile bringt sie?
Wir verfolgen in der Ukraine und global den Ansatz der lokalisierten humanitären Hilfe. Das heißt, dass man den Akzent stärker auf nationale und lokale Organisationen setzt, weil diese oftmals viel näher bei den bedürftigen Menschen sind. Die Diakonie Katastrophenhilfe hat weltweit und damit auch in der Ukraine vor vielen Jahren entschieden, Projekte nicht selbst zu implementieren, sondern immer mit lokalen Organisationen zusammenzuarbeiten und diese bei der humanitären Hilfe zu unterstützen. Neben der direkten Hilfe hat das auch den Vorteil, dass so die Zivilgesellschaft gefördert wird.
Auf welche Weise?
Organisationen werden dabei begleitet, selbstständig zu arbeiten und sich zu professionalisieren. Sie sind stärker in die Entwicklung der Hilfsprojekte einbezogen. Ziel ist darüber hinaus, dass sie finanzielle Mittel selbst bei Institutionen und Gebern beantragen.
Könnten sie hier ein Beispiel nennen?
Eine ukrainische Partnerorganisation von uns ist der Child Wellbeing Fund. Seit 2006 kümmert sich die Organisation in der Ukraine um benachteiligte Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern. Im Rahmen der Nothilfe verteilen sie vor allem Gutscheine und Bargeldhilfen an Bedürftige, was einen gewissen Grad an Kontrolle, aber auch Flexibilität für die Begünstigten bedeutet. Schließlich muss die Verwendung der Hilfsmittel zielgerichtet den Bedürfnissen entsprechen. Diese ist viel effektiver, weil ihr Ansatz die Würde und Selbständigkeit des Menschen unterstreicht, der selbst am besten weiß, was er benötigt. Bei diesem Prozess und der Umsetzung haben wir die Organisation begleitet.
Also eine nachhaltige Befähigung regionaler Hilfstrukturen und zugleich der Zivilgesellschaft, auf die man dann auch in Friedenszeiten bauen kann.
Absolut. Und wir haben in der Ukraine eine sehr starke Zivilgesellschaft. Das Problem ist, dass die Anforderungen der internationalen Geldgeber sehr groß sind und man das System sehr gut kennen muss. Wir als Diakonie Katastrophenhilfe haben das Knowhow und können dieses Wissen, wie man solche Anträge korrekt formuliert, an die regionalen NGOs vermitteln.
