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Der lange Weg vom Terroristen zum Ersatzteil-Verkäufer

Die islamistische Miliz Boko Haram terrorisiert seit 15 Jahren die Bevölkerung in Nordost-Nigeria. Der Bundesstaat Borno setzt zur Bekämpfung neben Waffengewalt auf eine Amnestie für Aussteiger.

Der ehemalige Brigadegeneral Abdullahi Ishaq (Foto Mitte) ist der "Kopf" hinter dem Aussteigerprogramm des Bundesstaates Borno in Nigeria
Der ehemalige Brigadegeneral Abdullahi Ishaq (Foto Mitte) ist der "Kopf" hinter dem Aussteigerprogramm des Bundesstaates Borno in Nigeriaepd-bild/ Bettina Rühl

Die Wut in der Stimme von Abdu Kasim ist unüberhörbar. Neun Jahre lang gehörte der heute 42-Jährige der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria an. Vor gut drei Jahren stieg er aus. Der Gedanke an das, was ihn ursprünglich in die Miliz trieb, macht ihn immer noch zornig.

Der Zoll habe damals seinen Lkw beschlagnahmt, dabei sei er nur innerhalb Nigerias unterwegs gewesen. Fünf Monate lang habe er vergeblich versucht, ihn zurückzubekommen, bis er hörte, dass der Laster für umgerechnet rund 1.000 Euro versteigert worden war. Daraufhin schloss er sich der Miliz an: „Ich wollte mich an der Regierung rächen und ihr größtmöglichen Schaden zufügen.“

Boko Haram: Zwischen 2009 und 2020 mehr als 35.000 Menschen getötet

Boko Haram begann vor rund 15 Jahren, die Bevölkerung im Nordosten Nigerias angeblich im Namen des Islam zu terrorisieren und gegen die nigerianische Armee zu kämpfen. Nach Schätzungen des „Global Centre for the Responsibility to Protect“ wurden allein zwischen 2009 und 2020 mehr als 35.000 Menschen bei Anschlägen der Gruppe getötet. Tausende wurden vergewaltigt und schwer verletzt – körperlich und psychisch. Hunderte Frauen und Kinder wurden entführt.

Ende vergangener Woche verschleppten Unbekannte im Bundesstaat Kaduna erneut mehr als 200 Schülerinnen und Schüler. Vor allem im Nordwesten Nigerias und in den zentralen Regionen sind Entführungen durch kriminelle Banden zu einer regelrechten Epidemie geworden, die Regierung scheint machtlos.

Milizen werben oft damit, ihren Mitgliedern eine Art Sold zu zahlen

Was Kasim erzählt, ist kaum zu überprüfen, plausibel ist es im nigerianischen Kontext durchaus. Und es passt zu den Ergebnissen einer Studie des UN-Entwicklungsprogramms UNDP. Etwa die Hälfte der 2.200 Interviewten waren Aussteigerinnen oder Aussteiger aus einer extremistischen Gruppe, darunter Zwangsrekrutierte und solche, die sich der Miliz freiwillig angeschlossen hatten.

Demnach scheinen „staatliche Maßnahmen, die mit einem starken Anstieg von Menschenrechtsverletzungen einhergehen, der wichtigste Faktor zu sein, der Einzelpersonen in Afrika in gewalttätige, extremistische Gruppen treibt“. Dagegen benannten nur 17 Prozent der Befragten ihre religiöse Überzeugung als wichtige Motivation. Ein Viertel aller befragten Männer sagte, sie hätten sich der extremistischen Gruppe in der Hoffnung auf Arbeitsmöglichkeiten angeschlossen. Milizen werben oft damit, ihren Mitgliedern eine Art Sold zu zahlen – ein Versprechen, das meist nicht eingelöst wird.

Ex-Milizionäre bleiben straffrei, wenn sie sich von der Gruppe lossagen

Nachdem Kasim Boko Haram beigetreten war, durchlief er eine militärische Grundausbildung. Anschließend ließ er sich zum Sprengstoffexperten ausbilden, „um größtmöglichen Schaden anrichten zu können“. Mit der Zeit allerdings kamen ihm Zweifel, dass die hohe Zahl der zivilen Opfer mit dem Islam zu vereinbaren sei – was die Führungskader behaupteten.

Als Kasim 2021 von dem damals neuen Amnestieprogramm der Regierung des nordöstlichen Bundesstaates Borno hörte, stieg er aus. Die Ex-Milizionäre bleiben straffrei, wenn sie sich von der Gruppe lossagen, ihre Waffen oder Sprengstoff abgeben, ein De-Radikalisierungsprogramm durchlaufen und ins zivile Leben zurückkehren. Psychologische Unterstützung gehört nicht zum Angebot, dafür aber eine finanzielle Hilfe für den Neuanfang.

„Modell von Borno“: Fast 7.000 Kämpferinnen und Kämpfer ausgestiegen

Der „Kopf“ hinter dem „Modell von Borno“ ist Abdullahi Ishaq. Der General im Ruhestand ist seit 2021 Berater des Gouverneurs in Sicherheitsfragen. Nach Jahren des Kriegs gegen Boko Haram ist Ishaq vom Scheitern der militärischen Strategie überzeugt: Keine Seite sei stark genug, die andere zu besiegen. Währenddessen nehme die Zahl der zivilen Opfer zu. Felder lägen brach, Bäuerinnen und Bauern seien auf der Flucht.

Der ehemalige Brigadegeneral Abdullahi Ishaq ist der "Kopf" hinter dem Aussteigerprogramm
Der ehemalige Brigadegeneral Abdullahi Ishaq ist der "Kopf" hinter dem Aussteigerprogrammepd-bild/ Bettina Rühl

Seit das Programm begann, seien fast 7.000 Kämpferinnen und Kämpfer ausgestiegen und verdienten ihren Lebensunterhalt beispielsweise als Bauern. Die Sicherheitslage in Borno und vor allem der Hauptstadt Maiduguri hat sich drastisch verbessert, was dafür spricht, dass die Zahl der Aussteiger höher ist als die der Neurekrutierungen.

Enttäuscht über Regierung

Der Erfolg des Programms deckt sich mit den Beobachtungen der UN-Studie: Der rein militärische Anti-Terror-Ansatz habe seine Grenzen in den vergangenen Jahren deutlich gezeigt. Demgegenüber motivierten Amnestieprogramme viele Milizmitglieder zum Ausstieg – wenn sie ohnehin schon an der Ideologie der radikalen Gruppe zweifelten oder von dieser enttäuscht seien.

Kasim ist allerdings nicht nur von der Miliz enttäuscht, sondern einmal mehr von der Regierung: Die versprochene Entschädigung für den Sprengstoff, den er abgab, habe er nicht bekommen. Nun fehle ihm das Geld, um einen Laden für Kfz-Ersatzteile zu eröffnen. Bis zu einem Leben als Verkäufer scheint es noch ein langer Weg zu sein.