Der Duft von Erde

Erntedank (I)
Der Duft von Erde

Den Geruch habe ich immer noch in der Nase. Obwohl so viele Jahrzehnte vergangen sind. Den Geruch nach aufgewühlter, schwerer feuchter Erde. Und den Duft nach frisch geernteten Kartoffeln.
Es war immer kurz vor meinem Geburtstag, wenn der Bauer mit dem Trecker kam, um die Kartoffeln auf unserem Acker „rauszumachen“. Dann mussten wir alle ran und aufsuchen. Das fand ich als Kind mal mehr und mal weniger spannend. Mindestens genauso wichtig wie das Aufsuchen war dabei die Vorfreude auf die frischen, mit Schale gebratenen Mini-Kartoffeln, die wir beim Aufsuchen gleich aussortierten. Die gab es immer am Abend nach der Kartoffelernte.

Der Duft frisch geernteter Kartoffeln

Bei all dem ahnte ich nicht, dass diese Erfahrung mich mein Leben lang begleiten würde. Irgendwann,  als ich erwachsen war und neue Kartoffeln auf dem Markt einkaufte,  war sie nämlich wieder da. Es muss der Duft gewesen sein... Der Duft aus der Kindheit. Der Duft nach den Kartoffeln mit Erde drumherum. Ein Duft, den gewaschene, portionierte und eingetütete Kartoffeln im Supermarkt nicht ausströmen.
Apropos Supermarkt. Auch diese Erinnerung tauchte irgendwann wieder auf: Wie ich als Studentin das erste Mal solche gewaschenen, portionierten und eingetüteten Kartoffeln kaufte und mich dabei das Gefühl beschlich: Richtig kann das nicht sein.
Aber der Mensch ist ja ein Gewohnheitstier. So wurde der Einkauf von Kartoffeln, Obst und Gemüse im Supermarkt (und ab und an auch  auf dem Markt) im Laufe der Jahre immer selbstverständlicher. Schließlich hatte ich lange Zeit ja keinen eigenen Garten.
Den hab ich zwar jetzt, woran es mir allerdings mangelt, ist der grüne Daumen. Na ja, und dann hat ja jeder so seine eigenen Vorlieben. Gartenarbeit steht bei mir nicht eben oben auf der Liste.
Aber je älter ich werde, desto mehr blicke ich mit Begeisterung (und zweifellos auch mit ein wenig Neid)  auf die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die mit ihrer Hände Arbeit den eigenen Obst- und Gemüsegarten bestellen und im Sommer oder Herbst ernten können, was sie im Frühjahr gesät haben.

Ein gutes Gefühl, das an früher erinnert

Es sind – anders als in meiner Kindheit – nur noch wenige Leute, die sich diese Mühe machen. Die meisten Gärten in den Einfamilienhaussiedlungen der Vorstädte dienen der Zierde und der Erholung, nicht mehr der Selbstversorgung. Was wohl daran liegt, dass Gartenarbeit tatsächlich nicht nur pures Vergnügen ist. Schließlich ist es mit dem Säen ja nicht getan. Pflege, soviel weiß ich dann doch noch, braucht so ein Garten ja auch, denn das Unkraut kennt keine Gnade. Und in heißen Sommern – sie müssen gar nicht so trocken sein wie in diesem Jahr – schreit die Erde nach Wasser. Das ist der Grund, warum in meinem Garten neben Blumen und Sträuchern nur ein paar Kräuter und ein Pflaumenbaum stehen.
Worüber ich mich aber immer riesig freue, ist, wenn Kolleginnen oder Freunde was abzugeben haben von ihrer reichen Ernte: Rhabarber zum Beispiel, aus dem ich Kompott koche, Stachelbeeren, die ich zu Marmelade verarbeite, oder Äpfel für Apfelmus. Dann kommt wieder so ein gutes Gefühl auf, das mich an früher erinnert. Und ein Gefühl von Erntedank.
Nur Kartoffeln, die baut niemand aus meinem Bekannten- oder Freundeskreis mehr an. Schade.

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