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Der Berührbare

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Lukas 9,62

Wer träumt, kann zurücksehen: Das vertraute Wohnzimmer, ein gedeckter Tisch, das feine Teegeschirr mit Blumenmuster, die Wanduhr. Es ist das großelterliche Wohnzimmer, das immer so viel Ruhe und Geborgenheit für das Kind ausstrahlte. Auf einem der Stühle sitzt meine Großmutter. Als sie mir ihr Gesicht zuwendet, wache ich auf und weiß: Die Großeltern, die meine Kindheit prägten, leben seit vielen Jahren nicht mehr. Aber der Traum war schön.„Quellen des Lebens“, heißt der neue Film des deutschen Regisseurs Oskar Roehler. Ein autobiografischer Film, der von einem Kind berühmter Eltern erzählt. Der Vater will nichts von ihm wissen, seine Mutter nennt er in einem weiteren Film „Die Unberührbare“. Eine bedrückende Familiengeschichte. Sie zeigt: Vergangenheit ist unvergänglich. Sie holt uns ein in Träumen, Bildern und Erinnerungen.

Die Bilder der Vergangeheit ruhen lassen

Vergangenheit prägt. Sie kann Quelle des Lebens sein, aus der wir Kraft schöpfen und sie kann diese Quelle vergiften. Dann kann es heilsam sein, die Bilder der Vergangenheit ruhen zu lassen, besser noch: sich von ihnen zu befreien und neue, eigene Wege zu gehen. Doch manchmal findet sich die Quelle auch gerade in der Rückschau – im Vergangenen. Dann lohnt es, innezuhalten und zurückzusehen. Das Kirchenjahr macht es uns vor, indem es wieder und wieder vergangene Bilder und Geschichten ans Licht holt, die nach Leben schmecken. In der Passionszeit sind es die Bilder eines Berührbaren. Quelle des Lebens für Menschen mit glücklicher oder schwerer Kindheit. Wer sich ihr zuwendet, kann leichter träumen und fröhlicher leben.Barbara Manterfeld-Wormit ist Pfarrerin im Pfarrsprengel Berlin-Lankwitz und in der Dreifaltigkeitsgemeinde.