Der ehemalige russische Machthaber Lenin steht für eine längst überwundene Zeit im Osten Deutschlands und Europas. Doch noch immer finden sich quer durch die Republik seine Denkmäler - auch im Westen. Ein Streifzug.
Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, steht für Lagerhaft und Erschießungen. Er steht für eine "eiserne Diktatur des werktätigen Volkes", wie der ehemalige russische Machthaber im April 1918 selbst verkündete. Und er steht an der Hamburger Allee/Ecke Plater Straße in einem Schweriner Neubaugebiet. Zwischen Plattenbauten und Feuerwehrmuseum beobachtet der 3,50 Meter hohe Führer der Sozialistischen Oktoberrevolution tagtäglich den Schweriner Berufsverkehr - und ist dabei nur einer von mehreren Lenin-Vertretern in Ost- und auch Westdeutschland.
Anfang Juni wurde dem Schweriner Lenin kurzzeitig seine Sicht genommen. Bei einer Protestaktion verhüllten Opferverbände die Statue temporär, um an das Leid in kommunistischen Gewaltherrschaften zu erinnern. "Es gibt keinen verdienstvollen und gütigen Staatenlenker Lenin, der durch Denkmäler zu ehren wäre", sagt Burkhard Bley, Landesbeauftragter für die Aufarbeitung der SED-Diktatur in Mecklenburg-Vorpommern. Auch er nahm an dem Protest teil. "Die Existenz von belasteten Kunstwerken wie den Lenin-Denkmälern im öffentlichen Raum ist eine Zumutung", sagt Bley.
Umso größer ist sein Unverständnis für die Entscheidung der Stadt, am Denkmal festhalten zu wollen. Laut einer städtischen Sprecherin ist die Lenin-Statue "Teil der Geschichte Schwerins - wie viele andere Denkmäler auch". In diesem Sinne werde sie als historisches Zeugnis verstanden. Dank einer Hinweistafel werde die Statue als "Denk- beziehungsweise Mahnmal in angemessener Weise eingeordnet". Für Bley aber ändert sich durch die Tafel allein nichts am "monumentalen Erscheinungsbild der Statue". Zudem würden auf der Tafel Lenins Verbrechen angebliche Verdienste gegenübergestellt.
Die Statue in Schwerin ist nicht das einzige Lenin-Denkmal in Deutschland. Quer durch die Republik finden sich Statuen, Büsten, Wandbilder oder Reliefs des Kommunisten, vor allem im Osten. Wer aber meint, dass Lenin ausschließlich dort präsent ist, der irrt. Neben Denkmälern etwa in Berlin, Halle, Riesa oder eben Schwerin findet sich Lenin in verschiedenen Formen auch in Gelsenkirchen und Lünen.
Auf der Website "Lenin is still around" ("Lenin ist noch immer gegenwärtig") sammelt Carlos Gomes Standorte von Denkmälern. Mehr als 35 davon sollen noch über das Land verteilt sein.
Der Umgang mit diesen steinernen Hinterlassenschaften gestaltet sich höchst unterschiedlich. So ist der Stadt Gelsenkirchen ein gut sichtbarer, über zwei Meter großer Lenin im Stadtteil Horst seit Jahren ein Dorn im Auge. Doch die 2020 enthüllte Statue steht auf dem Gelände der vom Verfassungsschutz beobachteten Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD). Der Stadt fehlt also eine Handhabe. Die städtische Begründung für einen vorübergehenden Baustopp, dass die Statue das Erscheinungsbild eines benachbarten Baudenkmals herabwürdige, hatte das Oberverwaltungsgericht Münster seinerzeit zurückgewiesen.
Im Vergleich zu seinem Genossen in Gelsenkirchen hat es der Lüner Lenin wohl schlechter erwischt. In der sogenannten Kommunistenkurve im Seepark der Stadt in Nordrhein-Westfalen fristet er ein eher unrühmliches Dasein. Halbvergraben und ohne Sockel wurde er neben anderen Figuren im Vorfeld der Landesgartenschau 1996 dort im Boden eingelassen. Die Büsten stammen laut Stadt aus dem Bestand ehemaliger sowjetischer Denkmäler, die nach dem Zerfall der Sowjetunion demontiert und zur Einschmelzung vorgesehen waren. Die damalige Bürgermeisterin Christina Dörr-Schmidt (SPD) habe angeregt, sie als Kunstinstallation zu verwenden. Dass die Figuren teils im Boden eingelassen sind, ist in Lünen bewusste Ausstellungspraxis: Es soll laut der Stadt ihre ursprüngliche Bedeutung "sichtbar relativieren".
Im hessischen Groß-Gerau hingegen bekommt die Debatte einen neuen Dreh: Vor dem historischen Rathaus der Stadt sollen mehrere Bronzefiguren sogenannte Hessendrescher darstellen, Landwirte aus der vorindustriellen Zeit. Einer dieser Drescher aber sieht verdächtig aus wie Lenin. Dabei war das von Künstler Mario Derra gar nicht gewollt - die Stadt habe seine Entwürfe ohne seine Zustimmung schlicht fehlerhaft umsetzen lassen. "Despoten sollte man keine Denkmäler errichten", sagt Derra. Er gehe aber davon aus, dass die Ähnlichkeit zu Lenin nicht beabsichtigt sei. Das bestätigt auch die Stadt.
Zweifelsohne um ein Lenin-Denkmal handelt es sich in Halle in Sachsen-Anhalt. Dort ist der frühere russische Machthaber ein Element eines großen Wandbildes. 1971 in der DDR eingeweiht, findet es sich noch immer an der Außenfassade eines Wohnblocks im Stadtteil Neustadt. Das Wandbild sei "eng mit der Geschichte des Stadtteils verbunden", so die Stadt. "Lenin-Denkmäler sind immer im historischen Kontext ihrer Entstehung zu betrachten." Auch der künstlerische Wert spiele eine Rolle. Das Wandbild sei "Kunst am Bau", das Konzept "als Zeitzeugnis schutzwürdig". Natürlich sei eine unbeschönigte Auseinandersetzung mit dem Terror des Leninismus wichtig. Gleichwohl: "Für die Opfer des SED-Regimes gibt es Täter. Zur Aufarbeitung des Unrechts ist dies der unmittelbare Ansatzpunkt." Das Bild soll bleiben.
Vom Wandbild zurück zu den Statuen: Im sächsischen Riesa wacht ein Lenin bei einem sowjetischen Ehrenfriedhof über gefallene Soldaten. Die Stadt pflege den benachbarten Ehrenfriedhof "im Auftrag der Bundesrepublik", wie ein Sprecher sagt. Nach einer öffentlichen Debatte wurde 2012 entschieden, das Denkmal zu belassen und eine erklärende Tafel aufzustellen. 2021 wurde die Statue durch eine Fachfirma saniert.
Und dann blickt da noch immer der 3,50 Meter lange Lenin über den Schweriner Berufsverkehr. Vielleicht fährt eines der Autos ja die knapp 64 Kilometer weiter nördlich zur kleinen Gemeinde Am Salzhaff. Dort steht der "Lehrpfad der unholdigen Personen" - mit einem weiteren Lenin, nebst anderen Figuren wie US-Präsident Donald Trump. Dieser Wanderweg ist noch unter einem anderen Namen bekannt: "Arschlochpfad".