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“Den Wandel zulassen”

Mit Frauenbildern einst und jetzt beschäftigt sich eine Ausstellung der Künstlerin Julia Krahn, die von Sonntag an im Niedersächsischen Landesmuseum in Hannover zu sehen ist. Dabei tritt Krahn mit klassischen Gemälden und Skulpturen alter Meister in einen Dialog, indem sie eigene Fotografien aus ihrem 20-jährigen Schaffen hinzufügt und so die Perspektive erweitert. Für ihr Projekt „FrauenBilder“ hat die 47-jährige Künstlerin im Fundus des Landesmuseums gestöbert und unter anderem Meisterwerke von Peter Paul Rubens, Lovis Corinth und Auguste Rodin ausgewählt. Die Ausstellung läuft bis zum 17. August. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erläutert Julia Krahn ihr künstlerisches Konzept.

epd: Frau Krahn, für Ihre neue Ausstellung durften Sie nach Herzenslust im Fundus des Landesmuseums in Hannover stöbern. Auf welche Rollenbilder von Frauen sind Sie bei den klassischen Gemälden und Skulpturen gestoßen?

Krahn: Auf Bilder, die wir alle aus der Ikonografie und von alten und neuen Meistern kennen. Zum Beispiel auf die Skulptur Eva von Auguste Rodin. Eine Frau, die ihren Körper bedeckt und sich schämt. Oder das Bild „Susanna im Bade“ von Lovis Corinth, auf dem zwei alte Männer eine Frau im Bad beäugen und bedrängen. Und auch die wunderschöne Madonna von Peter Paul Rubens, die ja in Wirklichkeit die Ehefrau des Malers ist, mit ihrem Sohn. In der Antike und in der klassischen Kunst sehen wir natürlich hauptsächlich Darstellungen von Frauen, die von Männern geprägt worden sind.

epd: Sie treten in Ihren eigenen Fotografien in einen Dialog mit diesen Bildern. Was setzen Sie dieser Bildtradition entgegen?

Krahn: Ich setze nicht eigentlich etwas dagegen, sondern ich versuche, etwas hinzuzufügen. Ich versuche, Fragen zu stellen, Assoziationen vorzuschlagen, die dazu anregen, Platz für neue Bilder im Kopf zu machen. Ich sage: Okay, wir sind daran gewöhnt, dass sich Eva schämt. Und nun stelle ich auf meiner Fotografie eine selbstbewusste Eva vor, die mit der Schlange spielt. Das ist natürlich erstmal ein Bruch, aber letztlich ist es ein Weiterführen eines Bildes. Wir sollten das Altertum und unsere Wurzeln nicht unterschätzen. Denn das sind wir. Wir sind, was wir gesehen haben und was wir gelebt haben. Um Zukunft aufzubauen, müssen wir diese Bilder lebendig werden lassen, um einen bewussten Wandel anzustoßen.

epd: Sie zeigen in der Ausstellung Frauen in verschiedenen Rollen und Positionen: verletzlich, unfrei, bedrängt, aber auch die Frau als Ursprung des Lebens. Welches ist Ihr persönliches Hauptbild der Frau?

Krahn: Mein Hauptbild der Ausstellung, mein Lieblingsbild, an dem ich am meisten hänge, ist das Gemälde eines weiblichen Torso von Heinrich Schulz, einem Künstler aus dem 19. Jahrhundert, der hier eine Skulptur aus der Antike gemalt hat. Weil es schlicht und einfach das beschreibt, was heute immer noch so aktuell ist, wie es jemals war. Man sieht dort einen Oberkörper, bei dem die Glieder und der Kopf abgetrennt sind. Dem weiblichen Körper ist also die Freiheit zur Bewegung, zum Denken und zum Handeln genommen. Das ist eine Erfahrung, die viele Frauen bis heute an Haut und Haaren erleben müssen, Tag für Tag. Dennoch ist der Körper wunderschön.