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Das kleine rote Buch

Meine war nicht größer als eine Karteikarte und hatte einen robusten roten Plastikumschlag: die „Gute Nachricht“; das Evangelium in zeitgenössischem Deutsch für die Hosentasche. Heute würde man wahrscheinlich „Bibel to go“ dazu sagen.

Wir Jugendlichen fanden die Aufmachung jedenfalls cool. Allein schon deshalb, weil die moderne Übersetzung immer noch – man schrieb immerhin schon die 1980er Jahre – in manchen Kreisen mit Misstrauen betrachtet wurde.

Mein Religionslehrer, ein glühender Verfechter der historisch-kritischen Exegese, nannte sie naserümpfend eine „Täuferübersetzung“. Andere äußerten sich verächtlich über den sprachlichen Verfall des christlichen Abendlandes. Gehalten hat sie sich trotzdem: In diesem Jahr wird die „Gute Nachricht“ 50 Jahre alt.

Ihr Erscheinen war im Jahr 1968 tatsächlich so etwas wie eine kleine Revolution. Die Heilige Schrift in Umgangssprache? Für viele ein Sakrileg. Für andere aber genau der richtige Schritt in dieser Zeit: Friedensbewegung, Studentenunruhen, Aufbegehren gegen alte Autoritäten in Staat und Kirche – das machte einen neuen Zugang zur alten Botschaft des Evangeliums notwendig. Neben Theologen arbeiteten daher auch Journalisten und Schriftstellerinnen daran, der Übersetzung eine ansprechende und verständliche Sprache zu verpassen.

Viele sind ihrem Beispiel gefolgt, mal mehr, mal weniger gut und erfolgreich. Aber „Versuch macht kluch“. Und die Frohe Botschaft muss immer neu formuliert, immer neu in die Zeit gesprochen werden. Nur dann kann sie Menschen erreichen.