Regional, bio, fettarm und mit wenig Tierleid verbunden – bei jedem zweiten Deutschen kommt Wildfleisch auf den Teller. Waldtiere sind unbelastet und erscheinen als nachhaltige Alternative. Aber nicht jedem schmeckt das.
Rehrücken, Hirschgulasch, Wildschweinbratwurst – jede und jeder zweite Deutsche isst laut einer Umfrage regelmäßig Wildfleisch. Auch mit Blick auf Berichte über quälend lange Tiertransporte und Missstände auf Schlachthöfen scheint das eine Option zu sein, mit weniger schlechtem Gewissen Fleisch zu essen.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sieht in Wild aus heimischen Wäldern “eine gute Alternative zum Bio-Fleisch”, das oft mit hohem Aufwand produziert werde und nicht immer in artgerechter Haltung. Weitere Vorteile: “Freilebende Wildschweine, Rehe und Hirsche wachsen artgerecht auf, und auch der Transport zum Schlachthof bleibt ihnen erspart”, heißt es auf der Homepage. Die Tiere ernährten sich natürlich, und ihr Fleisch sei frei von Antibiotika. Was außerdem für Wildfleisch spricht: Vielerorts ist laut BUND der Bestand an Schwarz-, Rot- und Rehwild zu hoch für ein ökologisches Gleichgewicht.
Torsten Reinwald, Sprecher des Deutschen Jagdverbandes, kann das bestätigen. Beispiel Wildschwein: In den vergangenen 30 Jahren habe die Landwirtschaft mit dem Anbau von Mais und Raps ein riesiges Nahrungsangebot für die Tiere geschaffen. Zudem produzierten Buchen und Eichen durch Klimastress mehr Bucheckern und Eicheln – ein gefundenes Fressen für die Tiere und ihre Nachkommen.
“Bei den Wildschweinen haben wir eine Vermehrungsrate von 250 Prozent pro Jahr”, rechnet Reinwald vor. Ohne Bejagung würden sich hierzulande die Afrikanische Schweinepest und die Maul- und Klauenseuche in wenigen Jahren ausbreiten. “Wir brauchen dieses Management; durch die Jagd können wir die Bestände halbwegs stabil halten.”
Menschen, die aus ethischen Gründen kein Fleisch essen, dreht sich allein bei dem Gedanken, ein Wildtier zu verspeisen, der Magen um. Fabian Grimm ging es genauso. Seit seinem 17. Lebensjahr war er überzeugter Vegetarier. Er habe nach der Devise gelebt: “Nichts essen, was Augen hat, die Tiere einfach mal in Ruhe lassen, Fleisch ist Mord – das ganze Programm.”
Doch mit 25 machte er einen Jagdschein, hat heute ein Gewehr und einen Jagdhund. Er isst bewusst Wildfleisch, das er selbst erlegt. Seinen Sinneswandel beschreibt Grimm in dem Buch “Ich esse, also jage ich – wie ich vom Vegetarier zum Jäger wurde”. Darin wirbt er für einen achtsamen Konsum und einen respektvollen Umgang mit der Natur. Fleisch von einem Wildtier zu essen ist für ihn heute moralisch vertretbar.
Das findet auch der Linzer Moraltheologe Michael Rosenberger. Beim Kauf von Wildfleisch sollte man allerdings genau hinsehen, ob dieses tatsächlich aus freier Wildbahn und aus der Region stamme. Es sollte geklärt werden, ob nach hohen ethischen Standards gejagt wurde: “Da gibt es viele Abstufungen”. Natürlich sei die Tötung eines Tieres “immer eine schwerwiegende Handlung, die nur unter Angabe sehr guter Gründe gerechtfertigt werden kann”, räumt Rosenberger ein. Aber aus ökologischer Sicht gebe es in Mitteleuropa derzeit viel zu viel Wild – und ohne größere Wolfsbestände müsse der Mensch das Wild jagen.
Jagd dürfe aber “nicht der Machtgier oder der Lust am Töten entspringen, sondern soll ein verantwortungsvolles, zurückhaltend und selbstkritisch ausgeübtes Handwerk sein. Die Ehrfurcht vor dem von Gott geschaffenen und geliebten Mitgeschöpf ist auch dann gefordert, wenn diesem das Leben genommen wird”, erklärt Rosenberger.
Sebastian Knapp vom Institut für Zoologische Theologie in Münster sieht die Jagd dagegen kritisch. Eine gezielte Regulierung des Wildbestandes hält er nur in Ausnahmefällen für vertretbar, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, erhebliches Leid oder ökologische Schäden abzuwenden. Denn bei der Jagd könne es vorkommen, “dass Tiere nicht sofort sterben und vermeidbares Leid erfahren”. Zudem könne der Schuss ein Tier verletzen, ohne es unmittelbar zu töten, sodass es unter Schmerzen flieht und erst nach Stunden gefunden werde. “Selbst erfahrene Jäger können nicht garantieren, dass jedes Tier sofort tot ist”, sagt Knapp. Jagd sei also “niemals leidfrei”.
Für Knapp sind Tiere auch kein “Lebensmittel”. Diese Sichtweise reduziere sie auf ihren Nutzen für den Menschen und blende ihren “Eigenwert als fühlende und leidensfähige Mitgeschöpfe” aus. Den Verzehr von Wildfleisch könne man “höchstens als weniger schlimm, aber nicht als ethisch vertretbar ansehen”, sagt der Theologe: “Wirklich konsequent wäre es, auf pflanzliche Alternativen zurückzugreifen.”