George Orwell trifft Stuttgart im größten Tumult an, als er am 22. April 1945 vom Osten her auf dem letzten funktionierenden Steg über den Neckar in die Stadt wandert. Am Tag zuvor haben die Franzosen Stuttgart erobert, überall herrscht Chaos. Orwells Beobachtungen und die Auswirkungen auf seinen später verfassten Erfolgsroman „1984“ stehen im Mittelpunkt einer Studie, die der Literaturwissenschaftler Geoff Rodoreda zum 80. Jahrestag des Stuttgart-Besuchs des Schriftstellers veröffentlicht hat.
Neben dem Steg liegt eine männliche Leiche. Ein belgischer Journalistenkollege, mit dem Orwell unterwegs ist, gibt später zu, hier erstmals in seinem Leben einen Toten gesehen zu haben. Der Brite staunt, dass ein Journalist in einem Krieg, dessen Opfer er seinerzeit auf 20 Millionen Menschen schätzt, bislang noch keinen Toten gesehen hat. Was Orwell fasziniert: Jemand hat dem Toten einen Fliederstrauß auf die Brust gelegt - ein Zeichen von Menschlichkeit inmitten von Tod und Zerstörung.
Der an der Universität Stuttgart lehrende Australier Geoff Rodoreda hat in den vergangenen Jahren umfangreiche Recherchen zu Orwells Stuttgart-Aufenthalt angestellt und diese nun in einem Buch zusammengefasst. Dabei nimmt er die Reise des Kriegsberichterstatters auf das europäische Festland insgesamt in den Blick. In Paris hat Orwell seine Basis als Reporter bezogen. In Deutschland, das zu diesem Zeitpunkt kurz vor der Kapitulation steht, besucht er Köln, Nürnberg und danach Stuttgart.
Am 9. November 1945 veröffentlicht Orwell nach seiner Deutschlandvisite in der britischen Zeitschrift „Tribune“ seinen legendären Essay „Rache ist sauer“. Darin kritisiert der Bestsellerautor Vergeltungsmaßnahmen gegen ehemalige Kriegsfeinde. „Das Bestrafen des Feindes bringt keine Befriedigung“, schreibt er.
So verständlich individuelle Racheakte insbesondere von Juden seien, die vielleicht ihre ganze Familie durch den Nazi-Terror verloren hätten, so unangemessen seien sie als politisches Handeln, urteilt der Reporter. Bestrafung sei ein „kindischer Tagtraum“, Rache ein Akt, den sich nur die Machtlosen wünschten. Mit einem knebelnden Friedensvertrag gegen Deutschland wäre für die Völkergemeinschaft nichts gewonnen.
Literaturexperte Rodoreda blickt aber nicht nur auf die Reisedetails und die politischen Einschätzungen Orwells. Er geht gezielt der Frage nach, welchen Einfluss die Wochen im zerstörten Deutschland auf den unmittelbar im Anschluss begonnenen Roman „1984“ genommen haben. Denn darin beschreibt Orwell einen totalitären Zukunftsstaat mit Akteuren, die unter anderem an Nazi-Schergen erinnern.
Rodoreda sieht vor allem in der Figur des Parteioffiziers O'Brien, in der Schilderung von Schauplätzen und der Beschreibung einer antagonistisch geteilten Welt Elemente in dem Roman, die sich „deutlich auf Orwells Zeit im kriegsgebeutelten Deutschland zurückführen lassen“. Beispielsweise begegnete der Schriftsteller in Deutschland einem gefangenen Nazifolterer, den der Literaturwissenschaftler für das Modell für O'Brien hält.
Für Rodoreda ist unzweifelhaft, dass in „1984“ einige Elemente „ganz unmittelbar auf den persönlichen Erfahrungen des Autors mit einer vom Krieg zerstörten, scheinbar irreparabel beschädigten Zivilisation in Deutschland beruhen“. Die vier Tage in Stuttgart vor 80 Jahren hatten daran offensichtlich einen wesentlichen Anteil. (0899/17.04.2025)