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Dank ist eine Frage der Entscheidung

Oft fällt es einem so schwer, dankbar zu sein. Stattdessen drängt sich das Klagen, Murren und die Unzufriedenheit in den Vordergrund. Woran das liegt – und welche Gedanken dagegen helfen können: Was „Dank“ in meinem Leben bedeutet

Ob ich Dank empfinde oder nicht, hängt davon ab, wie ich mich entscheide. Diese Erkenntnis war eine der wertvollsten Entdeckungen in meinem Leben.
Das mag klingen wie ein Spruch aus dem Poesiealbum, wie eine billige Vertröstung aus einem dieser Lebenshilfe-Ratgeber: Es kommt gar nicht so sehr darauf an, wie das Leben dir mitspielt; sondern darauf, was du daraus machst. Lächle, und alles wird gut. Genau so habe ich diesen Satz auch viele Jahre – ach, Jahrzehnte – abgetan. Praktisch die gesamte Zeit meiner Jugend, meines Studiums, der frühen Berufsjahre war erfüllt von dieser unausgesprochenen Gewissheit: Das, was ich gerade erlebe, das ist noch nicht alles. Was ich habe, was und wie ich bin – das ist noch nicht das wahre Leben, noch nicht das richtige Leben. Das Beste, das kommt noch.

Das kann doch noch nicht alles gewesen sein

Vielleicht muss man erst ein bestimmtes Alter erreichen, muss Krisen und Krankheiten hinter sich gebracht haben, um zu erkennen: Diese Hoffnung ist trügerisch. Am Ende wird die Welt doch nie so sein, wie du sie dir in deinen Träumen und Plänen ausgemalt hast.
Sicher. Es gibt zwar diese Momente. Augenblicke größten Glücks. Wo Vollkommenheit aufblitzt. Das Einssein mit der Welt und dem Universum: Ach, könnte es doch immer so sein!
Aber da schlummert schon der Keim der Unzufriedenheit: Ja, warum ist es denn dann nicht immer so?
Alles Glück will Ewigkeit. Dieses Empfinden ist zutiefst menschlich. Aber auch sehr zweischneidig. Einerseits treibt es den Menschen an. Zu Leistung, Vorsorge. Zum sich abrackern für die nächsten Momente des Glücks. Andererseits führt es ihm ständig vor Augen: Egal, wie sehr du es versuchst – das Leben könnte immer noch ein bisschen besser sein.
Und dann kommen Unzufriedenheit, Klage. Verbitterung.
Dank. Was ist das eigentlich?
• Es ist das Anerkennen, dass da etwas Gutes in meinem Leben ist;
• etwas, das nicht selbstverständlich ist;
• dass es jemanden oder etwas gibt, dem ich es verdanke – sprich: Es gibt da einen Geber.
Und das alles war in meinem Leben bereits vorhanden. Ich musste es nur erst sehen lernen.
Dabei hat mir vor allem eine Sache die Augen geöffnet: die Berichte darüber, was Sterbende im Angesicht ihres nahen Todes empfinden. Alte Menschen. Junge Menschen. Natürlich sind da Angst und Klage. Aber auch ganz oft: Dankbarkeit. Für intensives Erleben. Für Menschen, die in den letzten Wochen und Tagen in der Nähe sind. Für Begleitung und Zuwendung. Zusammengefasst: für die Fähigkeit, den Moment zu erleben; den Augenblick. Was für einen Sinn hat es, Augenblick an Augenblick zu reihen, dem Leben immer noch mehr Tage zu geben, wenn ich den Augenblick selbst immer nur verstreichen lasse, um den nächsten zu erreichen und den nächsten und den übernächsten? Und all diese Augenblicke dann eben auch nicht wirklich erlebe.

Was nützen viele Tage, wenn ich keinen erlebe?

Das ist vielleicht der Schlüssel zur Dankbarkeit: das Lösen von der Angst beim Blick nach vorn. Von der Sorge: Wie lange wird es noch gut gehen? Was wird morgen sein? Behalte ich meinen Job? Wie lange reicht das Geld? Meine Gesundheit? Mein Leben?
Dank heißt: Ich lebe. Jetzt.
Damit mag man hadern. Wenn man arbeitslos ist. Wenn man krank ist. Dann ist Leid da. Das kann man nicht wegdiskutieren.
Und doch ist das der Punkt, an dem ich mich entscheiden muss – so oder so: Werde ich mich erschöpfen in Klage, Anklage, Vorwürfen? Gebe ich der Dunkelheit und der Schwermut die Macht über mein Leben? Oder versuche ich, das Bestmögliche daraus zu machen?
Dann werde ich vielleicht immer noch mal wieder jammern, weinen und klagen. Aber ich blicke auf das, was eben auch an Gutem da ist.
Jeden Morgen, den ich aufwache, sage ich Danke. Dafür,
• dass ich aufgewacht bin und noch atme;
• dass auch meine Frau neben mir noch atmet;
• dass ich keine Schmerzen oder zumindest keine schlimmen Schmerzen habe;
• dass da draußen vor meinem Fenster kein Gewehrfeuer herrscht und keine Granaten fliegen.
Diese Liste ist natürlich noch viel länger, als man sie hier darstellen könnte.
Die meisten Dinge darauf mag man als nebensächlich oder selbstverständlich ansehen. Aber: Selbstverständlich sind sie ganz bestimmt nicht. Jederzeit kann dir immer und alles genommen werden. Noch ist es da. Danke dafür.
Und nebensächlich?

Der Weg zum Dank beginnt bei mir

Da ist eben die Frage, wie ich mich entscheide. Wenn ich all das Schöne, Gute, das mir gegeben ist, als nebensächlich ansehe, dann wird es tatsächlich schwer, Dank zu empfinden. Das vermeintlich „Kleine“ groß sein lassen – das ist der Weg zum Dank. Und das habe ich – trotz aller Schicksalsschläge und Enttäuschungen, die schon da waren und sicher auch noch kommen werden – zu einem guten Stück eben auch in meiner Hand: Ich kann mich entscheiden, dafür oder dagegen.

Tipp: Das Lied „Danke für diesen guten Morgen“ von Martin G. Schneider noch einmal aufmerksam lesen – oder auch singen (EG 334).