Die Aktivistin Asmara Muñoz blickt zufrieden auf die letzten Wochen der Wahlkampagne in Chile. „Ich glaube, die Menschen wollen keine ewigen Konflikte, sondern konkrete Lösungsvorschläge.“ Muñoz ist überzeugt: Ihre Kandidatin, die ehemalige Arbeitsministerin der aktuellen Regierung und Kommunistin Jeannette Jara, habe genau das bewiesen. „Sie bleibt im Gegensatz zu den Rechten in den Debatten ruhig und gelassen. Genau das mögen die Menschen“, sagt Muñoz.
Am Sonntag wird in Chile ein neues Staatsoberhaupt gewählt, auch über das Parlament wird abgestimmt. Mehr als 15 Millionen Stimmberechtigte sind aufgerufen, sich zwischen den acht Kandidatinnen und Kandidaten zu entscheiden. Laut aktuellen Umfragen haben drei von ihnen eine realistische Chance, in die Stichwahl zu kommen: zwei ultrarechte Politiker sowie die Ex-Arbeitsministerin Jara. Andere Anwärter, die sich im politischen Zentrum verorten, kommen kaum über zehn Prozent der Stimmen hinaus.
„Seit 15 Jahren wechseln sich in Chile die Parteien nach jeder Wahl an der Macht ab“, erklärt der Politikwissenschaftler Marcel Aubry. Die Wählerinnen und Wähler seien nicht parteigebunden und hätten in der Vergangenheit stets die amtierende Regierung abgestraft, sagt der Forscher von der Universidad de Chile.
Die aktuelle Regierung des linksgerichteten Präsidenten Gabriel Boric wird ihr Amt mit einer gemischten Bilanz verlassen. Zwar scheiterten große Reformvorhaben – 2022 stimmten die Wählerinnen und Wähler gegen eine neue Verfassung -, allerdings ist die Wirtschaft zuletzt wieder gewachsen.
Zudem waren die vergangenen Jahre durch die sogenannte Sicherheitskrise geprägt, ein allgemeines Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung, das sich allerdings kaum durch Kriminalitätsstatistiken belegen lässt. Vor allem die beiden ultrarechten Kandidaten José Antonio Kast und Johannes Kaiser profitieren davon. Mit einem radikalen Anti-Migrationskurs, Forderungen nach der Wiedereinführung der Todesstrafe und ultrakonservativen Ideen haben sie knapp 40 Prozent der Wählerinnen und Wähler auf ihrer Seite.
Kast, Vorsitzender der Republikanischen Partei, tritt bereits zum dritten Mal zur Präsidentschaftswahl an. Der Sohn eines geflohenen deutschen Wehrmachtsoffiziers ist international in rechten Kreisen gut vernetzt. Von der Republikanischen Partei hat sich Johannes Kaiser abgespalten, dem der Kurs der Partei zu reformistisch und die Vorherrschaft ihres Dauerkandidaten Kast zuwider war. Kaiser war ursprünglich YouTuber und wurde vor allem durch frauenverachtende Aussagen bekannt. So verlangte er auf der Internetplattform X, Männern eine Medaille zu überreichen, die „hässliche Frauen vergewaltigen“. Nach heftiger Kritik löschte er den entsprechenden Kommentar. Bis vor wenigen Wochen schien er kaum Chancen zu haben, doch mittlerweile liegt er in den Umfragen gleichauf mit Kast bei knapp 20 Prozent.
Die ehemalige Arbeitsministerin Jara will das Reformprogramm der Regierung von Präsident Gabriel Boric fortführen, der laut Verfassung nicht erneut antreten darf. Zwar führt sie die Umfragen mit knapp 30 Prozent an, doch ihre Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Chiles ist vielen Menschen ein Dorn im Auge.
Der Politikwissenschaftler Aubry ist überzeugt, dass das politische Zentrum in den vergangenen Jahren an Gewicht verloren hat, insbesondere seit der Einführung der Wahlpflicht im Jahr 2022. „Damit wurde ein Teil der Bevölkerung zur Wahl gezwungen, der sich zuvor nicht für Politik interessiert hat und tendenziell die Extreme bevorzugt“, sagt Aubry.
Zugleich betont er, dass sich sowohl Jara als auch Kast in ihren Positionen gemäßigt hätten. Warnungen vor einer faschistischen Diktatur oder einem sozialistischen Regime hält er für reine Wahlpropaganda: „In Chile herrscht ein demokratischer Konsens, den niemand in Frage stellt.“ Die Aktivistin Muñoz sieht das anders. Sie fürchtet, dass viele kleine Errungenschaften durch eine rechte Regierung zunichtegemacht werden könnten. Deshalb will sie die noch verbleibenden Tage vor der Wahl nutzen, um noch mehr Menschen von Jeanette Jara zu überzeugen.