In der Gesundheitspolitik ist der Reformstau enorm: Krankenhäuser, das Notfallsystem, Ärztezuweisung. Für den Chef der Kassenärzte hat es die Bundesgesundheitsministerin nicht leicht. Reformideen hat er einige.
Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, begleitet seit mehr als einem Jahrzehnt die deutsche Gesundheitspolitik. Er hat eine klare Meinung zu Akteuren und relevanten Themen. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht er nicht nur über miserable Kassenfinanzen, sondern auch über Übergewicht und KI-Tools.
Frage: Herr Gassen, die Kassen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sind leer. Ist die Versorgung zu teuer?
Antwort: Das Hauptproblem der GKV-Finanzierung ist nicht, dass die Versorgung so teuer ist. Und schon gar nicht die ambulante Versorgung, die für 16 Prozent der Kosten steht und die 97 Prozent der Versorgung stemmt. Es sind die 45 Milliarden versicherungsfremde Leistungen, die vom Bund nicht gegenfinanziert werden, das ist fast die Summe der gesamten ambulanten Versorgung. Wenn man das nicht ändert, können Sie die Beiträge für Versicherte so viel erhöhen, wie sie wollen. Es wird nie reichen.
Frage: Die Kosten sind also angemessen?
Antwort: Es gibt sicher im stationären und ambulanten Bereich Einsparpotenziale, etwa die zu hohe Zahl an Krankenhäusern, die bisher stockende Digitalisierung und die schleppende Ambulantisierung. Letztlich wird das das Problem nicht lösen, viel wichtiger wären eine Neujustierung und korrekte Finanzierung der Sozialleistungen, gegebenenfalls über neue Steuern. Das größte Finanzproblem wird über kurz oder lang sowieso die Pflegeversicherung, wenn die Babyboomer in Rente gehen.
Frage: Welche Steuern meinen Sie?
Antwort: Ich plädiere für eine höhere Alkohol- und Tabaksteuer. In Deutschland ist der Alkohol im europäischen Vergleich sehr billig. Auch eine höhere Steuer auf stark zuckerhaltige Lebensmittel und Cannabis wäre sinnvoll. Und die eingenommenen Steuern müssten in die richtigen Töpfe fließen. Es ist nicht nachvollziehbar, dass bestehende Steuern aus Alkohol und Tabak nicht direkt in das Gesundheitssystem fließen, sondern in den allgemeinen Steuerhaushalt. Wenn es keine zusätzlichen Steuereinnahmen gibt, müssen wir die Sozialleistungen auf den Prüfstand stellen. Beides scheint in der aktuellen Koalition kaum durchsetzbar.
Frage: Wie steht es um die Gesundheitsprävention? Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) setzt gerade bei der Pflegebedürftigkeit auf mehr Prävention.
Antwort: Prävention ist sehr wichtig, zumal Deutschland hier ausgesprochen schlecht aufgestellt ist. Aber Prävention spart erst einmal kein oder wenig Geld. Im Gegenteil, es muss investiert werden und der Effekt ist erst nach Jahren spürbar. Trotzdem müssen wir vor allem die nachkommenden Generationen im Bereich Gesundheitsprävention schulen. Hier wäre auch der Öffentliche Gesundheitsdienst gefragt, der leider schlecht aufgestellt ist.
Frage: Leisten die Kassenärzte ihren Beitrag zur Prävention?
Antwort: Ja, natürlich, aber es gibt dafür in der Regel keine eigene Vergütung. Und sie haben zu wenig Zeit. Sie müssten von anderen unnötigen bürokratischen Aufgaben, zum Beispiel dem Ausfüllen aus unserer Sicht unnötiger ärztlicher Atteste in den ersten drei Krankheitstagen, befreit werden. Durchschnittlich 60 Tage reine Bürokratie belasten jede Praxis in Deutschland - ein Wahnsinn bei knappen ärztlichen Ressourcen.
Frage: Was halten Sie von dem angestrebten Primärärztesystem, also dem verpflichtenden Erstkontakt über den Hausarzt? Es wird als Lösung vieler Probleme angepriesen.
Antwort: Grundsätzlich ist die primärärztliche Koordination älterer oder multimorbider Menschen medizinisch sinnvoll. Es aber als eierlegende Wollmilchsau zu verkaufen, wäre verfehlt. Primärarztsysteme in anderen Ländern sind gänzlich anders aufgestellt. Oft ist da die erste Ansprechperson kein Arzt, sondern eine Krankenschwester. Und danach findet eine Zuweisung per Postleitzahl zu einem Hausarzt statt. Bei uns gibt es die Zweigleisigkeit mit Haus- und Fachärzten. Wobei 55 bis 60 Prozent der Versorgung in den Facharztpraxen stattfindet - Gynäkologen eingeschlossen. Viele Menschen werden zudem bereits bei einem Hausarzt primär versorgt. Ein Problem ist der Hausarztmangel, vor allem in ländlichen Regionen.
Frage: Was schlagen Sie vor?
Antwort: Wir müssen das bestehende System optimieren und die Patienten besser steuern - digital und telefonisch und dabei den Terminus Primärarztsystem neu und modern für unsere Bedürfnisse definieren. Hierzu sollte die 116117 als unterstützendes digitales Steuerungsinstrument ausgebaut werden. Die Akutfälle müssen sofort an den richtigen Arzt oder in ein Krankenhaus weitergeleitet werden, die weniger dringlichen brauchen vielleicht gar keinen Arzt oder es reicht erst einmal der Besuch beim Hausarzt. In naher Zukunft kann ein KI-gesteuerter Sprachassistent, gegebenenfalls in mehreren Sprachen, bei der Steuerung assistieren. Diese Tools werden stetig besser. Zusätzliche Wahlfreiheiten der Menschen kann man über Zusatztarife abbilden. Die bessere Zuordnung der Patienten ist inhaltlich ein Gewinn, aber spart zumindest kurzfristig kein Geld.
Frage: Wie kann das sein?
Antwort: Das liegt zum einen daran, dass Fachärzte unverändert starre Honorarbudgets haben. Sie behandeln aktuell rund 15 Prozent ihrer Patienten, das entspricht 40 Millionen Arztkontakten, ohne Vergütung. Zudem hat eine Erhebung in Baden-Württemberg gezeigt, dass bei einer hausarztzentrierten Versorgung mehr Patientenkontakte in den Hausarztpraxen stattfinden, bei ähnlich vielen, wenn auch zielgerichteteren Facharztterminen und etwas weniger Krankenhausaufenthalten und Medikamenten. Kurzum: Die Versorgung bleibt ähnlich teuer, ist aber qualitativ vermutlich besser.
Frage: Was wäre das passende Sparinstrument?
Antwort: Es gibt nicht das wirksame Sparinstrument außer einer Reduktion des Leistungsangebots der gesetzlichen Krankenversicherung. Das ist die bittere Wahrheit. Wenn wir unser Gesundheitssystem in der Mannigfaltigkeit, Breite und Angebotssituation erhalten, können wir froh sein, wenn wir die Kosten einbremsen. Es ist Science-Fiction zu glauben, in einer Zeit des stetigen medizinischen Fortschritts und bei steigenden Gehältern ließe sich im Gesundheitssystem substanziell sparen.
Frage: Medizinischer Fortschritt klingt doch positiv.
Antwort: Das ist er auch! Die medizinischen Möglichkeiten haben sich massiv verbessert, aber das gibt es nicht zum Nulltarif. Und das wissen die Menschen auch. Ihnen etwas anderes vorzugaukeln, wird als Leugnen von Problemen empfunden und drängt die Menschen nur an die politischen Ränder. Zudem haben die gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland einen Leistungskatalog, der international einzigartig ist. In den USA etwa müssen Sie beim Arzt zuerst angeben, welche Kreditkarte belastet werden darf. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschen in Deutschland zukünftig auf Leistungen wie Zahnheilkunde oder Psychotherapie verzichten wollen.
Frage: Was halten Sie von weiteren Zuzahlungen für die Versicherten, etwa im Krankenhaus oder in der Arztpraxis?
Antwort: Da sind wir leidenschaftslos, solange wir das nicht administrieren müssen, das ist nicht unser Job. Wir haben eine Milliarde Arzt-Patienten-Kontakte, wenn sie sagen, ich nehme für jeden einen Euro, erhöhen sie die Einnahmen um eine Milliarde Euro. Sinnvoll scheint uns, den Leistungskatalog der Versicherungen zu verändern. Eine Abdeckung der Behandlung für die relevanten Gesundheitsrisiken sollte für alle greifen, und wer besondere Therapien möchte, etwa Homöopathie, muss eben extra zahlen. Überall haben die Menschen Wahlmöglichkeiten, nur bei der Versicherung nicht.
Frage: Das Gesundheitssystem ist also gut und breit aufgestellt, aber die Deutschen sind trotzdem eher ungesund im internationalen Vergleich.
Antwort: Wissen Sie, welches eine der am häufigsten abgeschlossenen Versicherungen ist? Der Rücktransport nach Deutschland im Krankheitsfall. Die Deutschen wollen also gerne zu Hause versorgt werden. Die Menschen wissen um die Leistungsfähigkeit des deutschen Gesundheitswesens. Aber oft kann dieses Gesundheitswesen nur reparieren, was durch schlechte Prävention und ungesunde Lebensführung zu Schaden gekommen ist. Da sind wir dann wieder bei der mangelhaften Prävention, zu viel Alkohol, Tabak und Übergewicht. Unsere medizinische Versorgung läuft den chronischen Erkrankungen hinterher. Es ist eine Reparaturmedizin.
Frage: Ministerin Warken hat keinen leichten Job. Der Reformdruck ist enorm, die Erwartungen riesig. Trauen Sie ihr zu, dass sie Reformministerin wird?
Antwort: Der Druck ist groß. Frau Warken weiß sehr genau, wie komplex die Aufgaben sind. Aber es liegt ja nicht nur an ihr ob Sie die notwendigen Reformen umsetzen kann. Sie kann dies nur schaffen, wenn sie die entsprechende Unterstützung aus der Regierung bekommt und etwa bei der Krankenhausreform auch der Länder bis hinunter zu den Kommunen. Theoretisch liegen alle Themen auf dem Tisch. Für sinnvolle Reformansätze kann sie sich zumindest unserer Unterstützung sicher sein.
Frage: Was muss die Ministerin zuerst angehen?
Antwort: Die Krankenhausreform muss zum Abschluss kommen, damit zeitnah die dringend nötige Notfallreform angepackt wird und die Krankenhäuser endlich Planungssicherheit bekommen. Notfallzentren können nur entstehen, wenn klar ist, wo Krankenhausstandorte sind. Und wir brauchen eine bundesweit sichere digitale Infrastruktur. Die brauchen wir für die öffentliche Verwaltung, die brauchen wir für viele andere Dinge und die brauchen wir auch für Gesundheit.