Im Advent vergangenen Jahres suchte ich in einer christlichen Buchhandlung in Berlin ein populäres Büchlein zum bevorstehenden Paul-Gerhardt-Jubiläum. Fehlanzeige. Jetzt ist es da. Es heißt: „50 Blicke auf Paul Gerhardt. Leben und Streit, Werk und Wirkung.“ Herausgeber im Auftrag der Paul-Gerhardt-Gesellschaft ist Albrecht Henkys, verfasst haben es die Kunsthistorikerin Claudia Wasow-Kania und der Theologe und Kirchenmusiker sowie Präsident der Paul-Gerhardt-Gesellschaft, Konrad Klek.
Um es vorwegzunehmen: Eine solche Publikation gab es noch nie. Hier wird gleichsam ein kleines Paul-Gerhardt-Kompendium vorgelegt mit 54 jeweils doppelseitigen Kapiteln und 9 konzentrierten Liedinterpretationen. Der Band knüpft einerseits bis hin zum Titel an die einschlägige Biografie von Christian Bunners an: „Paul Gerhardt. Weg – Werk – Wirkung“ (2007). Andererseits schließt er an Bilderbücher an wie „Auf Paul Gerhardts Spuren“ von Gert von Bassewitz und Christian Bunners (2001) oder an Hans-Jürgen Beeskows Text-Bild-Biografie aus dem Jahr 2006 „Paul Gerhardt 1607–1676“.
Sein Werk steht für sich
Im Unterschied zu Bunners‘ Dreischritt Weg – Werk – Wirkung erhält hier auch der Streit einen Platz im Untertitel und Aufriss. Gemeint ist der Streit zwischen dem calvinistischen Kurfürsten und seinen lutherischen Untertanen. Darin war ganz prominent auch Paul Gerhardt verwickelt. Heute interessiert uns an Paul Gerhardt vor allem sein Werk, insbesondere die 140 geistlichen Gedichte oder Lieder, von denen zurzeit 26 im Evangelischen Gesangbuch stehen.
Das Büchlein greift auf ein Konzept von 2007 zurück, das zum 300. Geburtstag des Dichterpfarrers für eine Ausstellung in der Berliner Nikolaikirche erarbeitet worden war. Es ist um manche Ergebnisse der neuesten Paul-Gerhardt-Forschung erweitert worden. Etwa im Bereich der Anagramm-Forschung, die Entschlüsselung versteckter Namen in den poetischen Texten, bei der musikalischen Rezeption oder bei der Präsentation und Interpretation eines erst 2024 wiederentdeckten Kindertotenliedes „Von Kindern hat man große Lust“. Das Erscheinen der historisch-kritischen Paul-Gerhardt-Ausgabe im Jubiläumsjahr 2026 wird sehnsüchtig erwartet.
Ein Lexikon für alle Fälle
Ansprechend und zeitgemäß an der Buch-Idee sowie bewusst orientiert an heutigen Lesegewohnheiten ist das Lexikonkonzept, dem manche Doppelungen geschuldet sind. Dabei wird nicht erwartet, dass das Büchlein von A bis Z durchgelesen wird. Sondern es wird damit gerechnet, dass sich die Rezipientinnen und Rezipienten von unterschiedlichen Interessen leiten lassen. Wer sich etwa für Pauls Kindheit interessiert, wird erfahren, dass der Internatsschüler des Collegium Moldanum in Grimma zwei Jahre nicht nach Hause fahren durfte. Gleichwohl: Wer es durchliest, wird es nicht bereuen.
Bunt illustriert und wissenschaftlich fundiert
Die Herausgeberschaft durch Albrecht Henkys erwies sich als ein Glücksfall, denn der langjährige Kurator des Berliner Stadtmuseums Nikolaikirche sitzt an der Bildquelle der Gerhardt-Vita. So ist ein bunt illustriertes und doch wissenschaftlich fundiertes kleines Paul-Gerhardt-Lexikon entstanden, das sowohl in die Breite als auch in die Tiefe geht. Es spricht einerseits ein breites Publikum an. Andererseits hält es auch theologischer, philologischer und historischer Prüfung stand. Ob der Titel „50 Blicke auf Paul Gerhardt“, der sich dem multiperspektivischen Ansatz verdankt, glücklich gewählt ist, kann man fragen. Denn als Leser suche ich die „50 Blicke“ im Inhaltsverzeichnis vergeblich.
Auch stehen die einzelnen Beiträge unter dem Formzwang der Doppelseite. So hätte man sich bei manchen Abschnitten wie zum Beispiel „Paul Gerhardt – der Mensch“ ein Aufsprengen dieses Korsetts oder eine Entfaltung des Themas in mehreren Kapiteln gewünscht. Doch für solche kleinen Unförmigkeiten wird man durch die anregenden Interpretationen von Konrad Klek – darunter die des neu entdeckten Liedes – reich entschädigt. Man kann dem Büchlein, seinen Herausgebern und Autoren, dem Verlag und Paul Gerhardt selbst nur viel Erfolg wünschen. Mögen im Jubiläumsjahr 2026 nicht nur 50, sondern wenigstens 50-tausend Blicke auf Paul Gerhardt gerichtet sein.
Claudia Wasow-Kania, Konrad Klek, „50 Blicke auf Paul Gerhardt: Leben und Streit, Werk und Wirkung“, herausgegeben von Albrecht Henkys im Auftrag der Paul-Gerhardt-Gesellschaft, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2026, 184 Seiten, 19 Euro.
