Hat das Kunstmuseum Bonn beim Hängen der Bilder nicht richtig aufgepasst? Die kontrastreich gestreiften Gemälde von Günter Fruhtrunk (1923-1982) scheinen teilweise ziemlich schief an der Wand platziert. „Nein, wir haben immer wieder die Wasserwaage angelegt“, beteuert Kurator und Museumschef Stephan Berg. Es ist die perfekte optische Täuschung der Bilder, die irritiert. Diagonale Streifen erzeugen den Eindruck der Schieflage. Andere Gemälde scheinen sich zu bewegen und regelrecht zu vibrieren. „Fruhtrunk will uns mit einer Farb-Form-Erfahrung konfrontieren, der man nicht ausweichen kann“, erklärt Berg.
Fruhtrunk zählt zu den Künstlern der Nachkriegszeit, die sich von der gegenständlichen Malerei abwandten, da diese aus ihrer Sicht durch den Nationalsozialismus kontaminiert war. Die sehr eigenständige Position und die Bedeutung Fruhtrunks im Kontext der Nachkriegsabstraktion sei bislang nicht genügend gewürdigt worden, sagt Berg. Das Kunstmuseum Bonn nahm deshalb den 100. Geburtstag des Künstlers zum Anlass, sein Werk umfassend zu präsentieren. Die Ausstellung „Günter Fruhtrunk. Retrospektive 1952-1982“ zeigt bis zum 10. März rund 60 Werke aus allen Schaffensphasen des Malers und Grafikers. Die Retrospektive wird im April 2024 ins Museum Wiesbaden weiterziehen.
Fruhtrunks Bilder zeichnen sich durch klare Linien, geometrische Formen und kontrastreiche, leuchtende Farben aus. Er ist vom Konstruktivismus und von der Konkreten Kunst geprägt. Häufig wurde er auch in die Nähe der Op-Art gerückt. Allerdings habe er sich zeitlebens jeglicher eindeutigen Zuschreibung entzogen, sagt Berg. Mit der Konkreten Kunst verbindet ihn die Konzentration auf Form und Farbe sowie die Nutzung mathematischer Methoden.
Allerdings entziehen sich seine Bilder einer statischen Gewissheit, indem sie die visuelle Fixierung unmöglich machen. Andererseits ist auch eine Überforderung des Sehens, wie sie typisch für die Op-Art ist, nicht Fruhtrunks Ziel. Er erzeugt durch seine optischen Täuschungsmanöver eher eine dynamische Bewegung. Das Auge wandert über die Bilder und sieht sie immer wieder anders.
Der gebürtige Münchner Fruhtrunk zog in den 1950er Jahren nach Paris, wo er zeitweise in den Ateliers von Fernand Léger und Hans Arp arbeitete. Ab 1967 bis zu seinem Tod war er Professor an der Akademie der Bildenden Künste in München. Breitere Aufmerksamkeit erlangten seine Arbeiten 1968 durch die Teilnahme an der Documenta 4 in Kassel. Bekannt wurde er auch durch das ikonische blau-weiße Diagonalmuster, das er 1970 für die Plastiktüte von Aldi Nord entwarf.
Die Ausstellung präsentiert zunächst das bislang wenig gezeigte Frühwerk zwischen 1950 und 1954. Die in dieser Zeit entstandenen Gemälde kleineren Formats zeichnen sich durch dunkle Farbtöne aus. Sie zeigen geometrische Formen, die frei im Raum schweben. In den Kreisen und biomorphen Formen lassen sich noch Anklänge an Hans Arp, den Pionier der organischen Abstraktion, erkennen.
In den späten 1950er und 60er Jahren entwickelte Fruhtrunk seine geschichteten Streifenbilder, für die er bekannt wurde. Seine Gemälde scheinen auf den ersten Blick eindeutig. Bei näherem Hinsehen bergen sie jedoch immer wieder Überraschungen und Unklarheiten. Da gibt es subtile Durchbrechungen eines vermeintlich streng symmetrischen Streifenmusters. Oder Fruhtrunk arbeitet mit leicht voneinander abweichenden Gelb-Tönen, was jedoch aus der Entfernung nicht bewusst wahrgenommen werden kann. Die pulsierende Wirkung seiner Bilder erreicht er unter anderem durch schmale „Assistenzstreifen“ in Kontrastfarben, mit denen er die breiten Balken absetzt. Auch sie sind nur aus nächster Nähe zu erkennen.
In den 70er und frühen 80er Jahren bildet sich die Streifenstruktur zu Feldern und Flächen aus. „Visueller Rhythmus sperrt sich dem Zugriff starrer Definitionen“, erklärte Fruhtrunk 1978. Sein Ziel sei es gewesen, mit äußerster Schärfe Unschärfe herzustellen, stellt Berg fest. Das Bild ist damit nie endgültig. Es erscheint im Blick des Betrachters in immer neuen Variationen.
In seiner letzten Schaffensphase löst Fruhtrunk Farbe und feste Form auf. Die Streifen zerfasern. Der zuvor vermiedene Pinselstrich wird sichtbar. „Zerschleißendes Lied“ ist der für diese Phase programmatische Titel eines 1981 entstandenen Bildes mit diagonalen rot-blauen Streifen. „Orpheus“, eines seiner letzten Gemälde, ist monochrom in Schwarz-Grau-Tönen gemalt. Am 12. Dezember 1982 nahm sich Fruhtrunk in seinem Münchner Atelier das Leben. Er hatte zeitlebens durch eine schwere Kriegsverletzung unter starken Schmerzen gelitten.