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Bestatterin: Blick auf den Tod bereichert das Leben

Frauen leben nicht nur länger als Männer, sie sterben auch anders: gelassener und friedlicher. Das beobachtet die Bestatterin Hanna Roth aus Bergisch Gladbach, die in 14 Berufsjahren Tausende von Toten gesehen hat. Als Grund nennt die 38-Jährige den Alltag von Frauen, die Leid und Sterben seltener verdrängen. Roths Anliegen ist deshalb, dass Menschen den Tod zurück ins Leben holen und so mehr Lebensfreude gewinnen. Ihre Erfahrungen hat die Tochter des Bestatters Fritz Roth (1949-2012), der die Trauerkultur in Deutschland modernisiert hat, in einem Buch aufgeschrieben: „Sterben Frauen anders?“

epd: Die gängige Annahme lautet: „Im Tod sind alle gleich“. Aber Sie sagen schon auf den ersten Seiten ihres Buches: Das stimmt nicht, wieso?

Roth: Ich glaube, selbst zu Zeiten des römischen Philosophen Seneca, der das gesagt haben soll, stimmte es nicht, weil Unterschiede in der Gesellschaft immer auch Unterschiede im Sterben bedeuten: Konnte ich mir zu Lebzeiten eine gute Ernährung leisten, wie habe ich gewohnt, begleitet die Familie mich oder bin ich einsam und alleine – all das spielt eine Rolle. Jeder Mensch lebt anders und jeder stirbt anders.

epd: Sie sagen sogar, dass auch das Geschlecht eine Rolle spielt. Obwohl der Buchtitel „Sterben Frauen anders?“ noch ein Fragezeichen hat.

Roth: In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass Frauen sich dem Sterben ganz anders stellen, etwa bei der Vorsorge. Es trauen sich viel mehr Frauen zu uns ins Bestattungshaus zu kommen und gedanklich durchzuspielen, wie sie sterben und beerdigt werden wollen, als Männer. Einmal habe ich ein Ehepaar erwartet, aber nur die Frau kam und hat gesagt: „Ich konnte meinen Mann nicht überreden mitzukommen, er meinte, du machst das schon.“ Das ist für mich sinnbildlich. Frauen beschäftigen sich schon vorher mit dem Tod und wollen genau hingucken, während Männer ihn eher wegschieben, nicht auf die Gefühlsebene wollen und technische Fragen stellen: welcher Sarg – Eiche oder Buche? Wer übernimmt die Abmeldung, wohin fahren Sie ins Krematorium?

epd: Das heißt, wenn Sie von „anders sterben“ sprechen, beginnt das schon lange vor dem Tod?

Roth: Auf jeden Fall! Frauen gehen in ihrer ganzen Lebensgeschichte anders mit Übergängen um. Sie sind gewohnt, Abschiede zu nehmen: der Abschied von der Kindheit mit der ersten Monatsblutung, dann bei Schwangerschaft und Geburt, wenn der Körper sich verändert, oder später, wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Viele Frauen pflegen auch Angehörige bis zum Tod und begleiten ihre Eltern im Sterbeprozess – lauter Grenzerfahrungen. Im Trauergespräch höre ich hier von vielen Frauen, dass sie bis zum Ende dabei waren und alles wissen wollten – bei Männern ist das oft anders. Frauen sind ja auch in den Care-Berufen, in der Alten- und Krankenpflege viel stärker vertreten. Auch bei uns im Bestattungswesen, das traditionell als Männerberuf gilt, haben wir mittlerweile weit mehr Bewerbungen von Frauen.

epd: Wie wirken sich diese Lebenserfahrungen auf das eigene Sterben aus? Nach ihrer Beobachtung sind die Gesichter von Frauen oft friedlicher, sogar glücklich.

Roth: Ja genau, ich habe den Eindruck, dass Frauen gelassener mit dem Tod umgehen, weil sie sich vorher schon mehr damit beschäftigt haben. Sie können besser loslassen, weil sie ihren Tod vorbereitet haben. Das ist so wichtig. Für einen selbst und für die Angehörigen ist es eine große Entlastung, zu wissen: Will meine Mutter eine Feuer- oder Erdbestattung, einen bestimmten Friedhof vielleicht, welche Lieder oder Texte für die Trauerfeier? Dann gibt es kein Rätselraten oder sogar Panik wegen dieser organisatorischen Dinge.

epd: Wie wirken sich die letzten Lebensjahre auf das Sterben aus?

Roth: Da ist schon rein rechnerisch ein großer Unterschied, weil Frauen ihre Männer im Schnitt um fünf Jahre überleben, aber sie sterben auch einsamer und langsamer. Männer sterben oft plötzlich, durch Herzinfarkt oder sogar Suizid, während Frauen etwa an Krebs sterben, oder sie werden im höheren Alter dement. Mit 90 ist oft auch der Freundes- und Bekanntenkreis weg, anders als mit 70, was zu großer Einsamkeit führen kann. Aber weil sie sich ein Leben lang mit Loslassen und Trauern beschäftigt haben, habe ich trotzdem den Eindruck, dass sie auch für sich selbst gelöster loslassen können – das lese ich in den Gesichtern der Toten.

epd: Viele Menschen verdrängen den Tod, weil sie ihn bedrohlich finden, er verschwindet hinter gekachelten Wänden in Kliniken und Heimen. Aber Sie sagen, wenn man den Tod zurück ins Leben lässt, wird es intensiver. Wieso?

Roth: Dieses Memento mori, den Tod bedenken, kann einem eine andere Leichtigkeit und Lebensfreude geben. Weil man sich dessen bewusst wird, dass das Leben nicht unendlich ist und der Tod dazugehört. Auch mein Tod wird irgendwann kommen, deshalb sollte ich das Beste aus meinem Leben machen und auch die kleinen Momente genießen, die Glück spenden und das Leben bereichern. Man will sich nicht unbedingt mit seinem eigenen Tod oder dem der Kinder oder Verwandten auseinandersetzen. Aber ich glaube – nein, das weiß ich ganz genau -, wenn man es tut, kann man das Leben auf eine ganz andere Art genießen und verschwendet nicht so viel davon. Man hat ja nur das eine.

epd: Haben Sie selbst mit 38 auch schon vorgesorgt für ihre Trauerfeier?

Roth: Ich spreche eher von Lebensfeier und appelliere immer dafür, dass man sich traut zu überlegen: Wie soll meine letzte Feier aussehen, was ist mir wichtig? Für mich ist ganz klar: Meine Beerdigung soll wie mein Geburtstag sein. Erst wird die Urne beigesetzt und dann sollen alle bei uns zuhause im Garten grillen und sich des Lebens freuen und von mir erzählen – das wäre mein Weg.