Berlinale: Ein Pfarrer auf dem Festival

Aktuell läuft die Berlinale, mittendrin bei den Filmfestspielen in Berlin ist Pfarrer Roland Wicher. Er koordiniert die Ökumenische Jury. Ein Interview.
Berlinale: Ein Pfarrer auf dem Festival
Die Berlinale 2026 läuft seit dem 12. Februar.
Imago / Future Image

Herr Wicher, welche Aufgabe hat die Ökumenische Jury und nach welchen Kriterien sucht sie einen Film aus?
Die Jury sichtet bei der Berlinale den ganzen Wettbewerb, in diesem Jahr 22 Filme und je 10 Filme aus den Sektionen „Panorama“ und dem „Forum“. Sehr viele Stunden verbringt sie in den Kinos, bevor sie über die Preisträger entscheidet.

Hohe filmkünstlerische Qualität ist für uns ausschlaggebend, aber auch eine dem Evangelium entsprechende Botschaft und Haltung wie auch eine Sensibilität für spirituelle, soziale und ethische Dimensionen und Werte.

Neben den Kinobesuchen in der Stadt trifft sich die Jury zu Sitzungen, um über das Gesehene zu beraten und wählt drei Preisträgerfilme aus: einen im offiziellen Wettbewerb und je einen aus den Sektionen „Forum“ und „Panorama“. Die Preisträgerfilme sind jeweils mit Preisgeldern der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz dotiert.

Gehören Sie auch zur Ökumenischen Jury?
Seit vielen Jahren koordiniere ich die Arbeit der der Ökumenischen Jury, bin aber in diesem Jahr nicht selbst Mitglied. Inzwischen machen wir das im ökumenischen Team mit meinem katholischen Kollegen Thomas Kroll. Wir begleiten die Jury auch ins Kino, denn die Preisträgerfilme spielen ja auch für die inhaltliche Arbeit in den Kirchen eine wichtige Rolle.

Ehre und Freude Jury-Mitglied zu sein

Ich selbst war dreimal Jury-Mitglied, zuletzt 2022. Im vergangenen Jahr konnte ich nach Cannes reisen und in der Ökumenischen Jury dieses wichtigsten Filmfestivals der Welt an der Côte d’Azur mitwirken. Das war eine große Ehre und Freude.

Welche Art Filme lieben Sie besonders?
Unter anderem habe ich mich intensiv mit den Filmen Martin Scorseses beschäftigt, der häufig mit einer sehr kraftvollen Filmsprache Gangstergeschichten erzählt hat. Mit „Killers of the Flower Moon“ hat er eine eindringliche Anklage gegen die schlimme Ausbeutung der Native Americans in den USA geschaffen.

Ich liebe auch stille, experimentelle Filme, wie etwa Wim Wenders „Perfect Days“ über einen Mann, der in Tokyo Toiletten putzt und dabei wirkt wie ein buddhistischer Mönch. Bei der Berlinale sind oft noch weitaus herausfordernde Experimente zu sehen. Das schätze ich auch sehr. Etwa die Art, wie James Benning amerikanische Landschaften einfängt oder den Film „Geographies of Solitude“ (Regie: Jacqueline Mills, Kanada 2022), eine Dokumentation über eine Forscherin auf einer einsamen Atlantikinsel, die Flora und Fauna dort dokumentiert und zunehmend auch die Verschmutzung der Weltmeere. Das war damals der Gewinner des Preises der Ökumenischen Jury bei der Berlinale in der Sektion Forum. Im Anschluss habe ich in der Berliner St. Matthäus-Kirche über den Film gepredigt und wir haben ihn gezeigt. 

Auch der düstere Film „In die Sonne schauen“ (Regie: Mascha Schilinski, Deutschland 2025) wagt es, experimentelle Mittel einzusetzen. Er bekam den großen Preis der Jury in Cannes. Der Film erzählt das Schicksal von Frauen auf einem Bauernhof in der Altmark und macht deren Belastung und Unterdrückung spürbar. In Zeitsprüngen von der späten Kaiserzeit über die 1940er Jahre und die Zeit der DDR bis in die Gegenwart verknüpft er auf rätselhafte Weise die Geschichten verschiedener Mädchen und Frauen.

Wie hat es bei Ihnen angefangen mit der Leidenschaft für Filme?
Schon als Jugendlicher habe ich im Kunstleistungskurs Filmanalyse gelernt. Wir haben Hitchcocks Schnitt- und Inszenierungstechniken in „Psycho“ und „Die Vögel“ untersucht. Seitdem hat mich die Leidenschaft für das Kino nicht mehr losgelassen. Seit fast 30 Jahren bin ich in der kirchlichen Filmarbeit engagiert.

Wie nehmen aktuelle Filme religiöse Themen derzeit auf? Gibt es da einen Trend?
Einen klaren Trend kann ich nicht erkennen. Film ist wie ein Seismograph, er bildet gesellschaftliche Tendenzen ab. Zugleich liefert er Gegenwirklichkeiten, mal tröstlich, mal erschreckend. Da ist er ähnlich wie der Glaube, der ja mit Bildern vom Reich Gottes, vom himmlischen Jerusalem, dass auf die Erde kommt, aber auch vom Gericht und von den Nöten und Katastrophen der Welt erzählt. Die christliche Hoffnung auf den Erlöser, auf die Wiederkehr Christi am Ende der Zeit, und die Heldenfiguren im Kino haben auch zahlreiche Berührungspunkte.

Zugleich ist Film eine Kunstform und deshalb ist Kino auch etwas ganz anderes als Glaube und Religion. Popcorn und Feierabendentspannung, heute Streaming und Serienkonsum, kraftvoll inszenierte Unterhaltung und hochgradig kreative Kunstfilme geben uns Bilder, die starke Empfindungen, neue Gedanken, Freude am Schönen und immer wieder auch Hoffnungsbilder wecken. Zugleich gibt es düstere Motive mit Anklängen an die großen Erzählungen des Glaubens wie die Apokalypse. Das ist fester Bestandteil von Horrorfilmen, Science Fiction und anderen Genres. Das Hiob-Motiv des leidenden Gerechten wird filmisch häufig abgewandelt.

Neu ist wohl, dass - eher für den Serien- und Streaming-Markt - christliche Themen von fundamentalistischen amerikanischen Produktionsfirmen aufgegriffen werden. Nicht zuletzt der jüngste, bei uns gefloppte und umstrittene Bonhoeffer Film ist ein prominentes Beispiel.

Welcher Film der Berlinalen mit religiösem Bezug hat sie besonders bewegt?
Es gab immer wieder Filme, die sich kritisch auf Missbrauch in der katholischen Kirche beziehen. Das ist ja auch bei uns ein trauriges Kapitel, das dringend weiter kritisch aufgearbeitet werden muss. „Gelobt sei Gott“ (Regie François Ozon, 2018) ist ein Beispiel für die Auseinandersetzung mit diesem Thema und der Situation in Frankreich. „Kleine Dinge wie diese“ mit Cillian Murphy war der Eröffnungsfilm der Berlinale vor zwei Jahren. Er spielt in den 1980er Jahren und blickt zurück auf den Missbrauch in den irischen Magdalenenheimen. Ein schöner kleiner Film ist der jüngste Film „Junge Mütter“ der Brüder Dardenne, der in einem katholischen Heim für junge Mütter in Belgien spielt. Religiöse Bezüge kommen auf den ersten Blick nicht vor, aber die Zuwendung der Mitarbeiterinnen des Hauses zu den jungen Frauen wie auch die Ermächtigung der Schwangeren und frischgebackenen Mütter ist für mich christlich grundiert. In Cannes haben wir den Film mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet. Im März kommt er in die Kinos.

Es gibt auch immer wieder Kritik, daran, wie Filme religiöse Fragen oder Figuren aufnehmen. Wie sehen Sie das?
Spielfilme sind Erzählungen, die sich nicht ausschließlich an Fakten orientieren müssen. Zugleich gibt es schlecht recherchierte Darstellung von Religion und Glaube, Gottesdiensten, Beisetzungen oder biblischen Motiven, die mich als Theologen durchaus nerven. Film mag religiöse Themen aufgreifen, verarbeitet häufig religiöse Bilder und erzählt Geschichten, die „Bigger than Life“ große Gefühle wecken wollen. Der Hamburger Theologe Jörg Herrmann hat solche religiösen Sinndimensionen des Kinos in seinem Buch „Sinnmaschine Kino“ beschrieben.

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