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Belém vor dem Klimagipfel: Prachtbauten und Schmutzwasser

34 Grad Celsius im Schatten und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit drücken schwer auf die Besucher von Belém, der Hauptstadt des nordbrasilianischen Bundesstaates Pará. Am Montag beginnt hier die UN-Klimakonferenz COP 30. Delegierte aus mehr als 190 Staaten werden erwartet, wie viele davon tatsächlich anreisen werden, ist noch unklar. Denn Belém hat ein Platzproblem: Die Gastgeberstadt verfügt normalerweise über 18.000 Hotelbetten, erwartet werden bis zu 60.000 Gäste.

Internationale Hotelketten wie Vila Galé haben neue Häuser eröffnet, Kreuzfahrtschiffe sollen als Unterkunft dienen und Privatpersonen haben ihre Wohnungen hergerichtet, um sie zu vermieten. Sogar Hängemattenschlafplätze wurden für mehrere Hundert Dollar angeboten. „Ich werde meine Wohnung auch vermieten, von den Einnahmen kann ich fünf Monate lang die Miete bezahlen“, sagt Einwohner Gustavo Moura. Begeistert ist der Ozeanograf jedoch nicht von dem Großevent. Der versprochene Austausch der kompletten Busflotte sei nur teilweise erfolgt, das Abwassersystem nur punktuell und in den besseren Vierteln eingerichtet. Anderswo stänke weiterhin die Kloake zum Himmel, kritisiert Moura.

Dabei war Belém in den 1880er Jahren zu den Hochzeiten des Kautschukbooms eine der reichsten Metropolen des Landes. Die Kautschukbarone errichteten das erste Kino, Art-Déco-Stadtpaläste und ein imposantes Theater. Sie aßen französischen Käse, trugen italienische Mode und ließen Straßen mit europäischen Steinen pflastern. Nachdem die Briten Kautschuksamen aus Brasilien geschmuggelt und in Südostasien erfolgreich Plantagen aufgebaut hatten, brach das Kautschukmonopol Amazoniens zusammen – und Belém geriet in Vergessenheit. Jetzt sind die Augen wieder auf die Amazonasmetropole gerichtet. Tausende Delegierte werden hier in den nächsten Tagen über die internationale Klimapolitik verhandeln.

Umgerechnet rund 640 Millionen Euro hat die brasilianische Regierung vor dem Event in Infrastruktur und Stadtplanung investiert – fast so viel wie das Jahresbudget der Stadt ausmacht. Wenige Tage vor Konferenzbeginn sollten 99 Prozent der Großprojekte abgeschlossen sein. Doch rund eine Woche vor dem Start haben Bauarbeiter erneut Straßen blockiert. Sie hatten im Juni erfolgreich für bessere Löhne gekämpft und klagen nun, dass sie diesen Lohn nicht erhalten.

Derweil durchqueren Militärpolizisten aus anderen Bundesstaaten die Stadt auf Motorrädern, um sich mit ihrem Einsatzgebiet vertraut zu machen. Dutzende Obdachlose wurden von der Stadtverwaltung aus der Innenstadt vertrieben, damit sie das Straßenbild nicht stören. Das Schiff, auf dem Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva übernachten wird, ankert bereits.

Neu angelegt ist unter anderem der Parque Linear: ein lang gezogener eingezäunter Park an einem der vielen Kanäle, mit Open-Air-Fitnesszone, Sitzbänken und reichlich Pflanzen. Umgerechnet 50 Millionen Euro hat die Anlage gekostet, die ausgerechnet den Bewohnern des nobelsten Wohnviertels der Stadt zugutekommt.

Wenige Autominuten entfernt befindet sich die Vila das Barcas. In der größten Stelzensiedlung Lateinamerikas, einem Slum direkt am Guarujá-Fluss, werden keine Staatsbesucher empfangen. Stattdessen sollen hier die Abwässer aus dem Luxusviertel Docas umgeleitet werden. Schwere Schaufelbagger reißen für die Anlage den Boden auf. „Es gab dazu keine Anhörung der Bevölkerung und von einer Studie über mögliche Umweltfolgen weiß ich auch nichts“, sagt der Musiker Pawel Martins, der direkt gegenüber wohnt. „Wir werden hier mit dem Gestank leben müssen – und sind selbst nicht einmal an das Abwassersystem angeschlossen.“ Bislang fließt das Schmutzwasser der rund 7.000 Haushalte der Vila das Barcas direkt in den Fluss.

„Die COP wird ein soziales Chaos hinterlassen“, prophezeit Vanuza Cardoso. Sie ist Quilombola, Nachfahrin ehemaliger entlaufener Sklaven. Cardoso lebt am nördlichen Rand von Belém in einem traditionellen Territorium, unter anderem vom Anbau von Acai-Beeren. Ganz in der Nähe durchschneidet eine braune Lehmtrasse den Regenwald: Dort wird die Schnellstraße Avenida Liberdade gebaut, die den Verkehrsfluss der Stadt deutlich verbessern soll. Dafür sind 68 Hektar Wald gerodet worden, der wichtig für das Mikroklima der Stadt ist. „Die Hitze wird immer schlimmer“, klagt Cardoso. Auch das werden die Delegierten ab Montag zu spüren bekommen.