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“Babys und Kinder sind mein Leben”

Eigentlich wollte Steffi Vogel aus Dornstetten im Schwarzwald nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin nur ein paar Monate nach Rumänien gehen, um sich sozial zu engagieren. Doch dann sah sie die Not dort: Kinder in Roma-Dörfern, die kaum lesen und schreiben können. Und Babys, die im Krankenhaus in Brasov zurückgelassen wurden. Viele waren dort, nachdem in den 2000er-Jahren die Kinderheime aus kommunistischer Zeit geschlossen wurden. „Weil man nicht wusste, wohin mit ihnen, sind unzählige Kinder im Krankenhaus gelandet“, erinnert sich Vogel. „Damals, vor 20 Jahren, waren alle Zimmer voll mit Babys und Kleinkindern, die dort abgegeben wurden.“

Weil das Krankenpersonal nicht die Zeit hatte, ihnen die nötige Zuwendung zu geben, begann Vogel gemeinsam mit ihrer amerikanischen Freundin Sarah Vienna die Babys zu besuchen und sich um diese zu kümmern. Natürlich waren ihre Eltern anfangs nicht sonderlich begeistert, als Steffi Vogel ihnen damals als 21-Jährige mitteilte, dass sie in Rumänien bleiben wird und ein Pflegekind aufgenommen hat – ihre später adoptierte Tochter. Doch schnell merkten sie, dass es ihre Tochter ernst meint und unterstützen ihre Arbeit seither aus vollem Herzen.

Auch wenn die Zahl der Kleinen ohne Eltern heute, 20 Jahre später, im Krankenhaus in Brasov stark abgenommen hat, gibt es immer noch jeweils etwa zehn bis 20 Babys und Kleinkinder, die dort alleine sind – aus unterschiedlichsten Gründen, wie Stefanie Vogel erzählt. Etwa weil die Eltern andere Geschwisterkinder zu Hause haben und überfordert sind, sich zusätzlich um ein krankes Kind zu kümmern. Oder weil das Jugendamt die Kinder ins Krankenhaus bringt, bis eine Pflegefamilie gefunden wird oder die Situation der Kinder geklärt ist. „Vor kurzem hatten wir ein einjähriges Kind im Krankenhaus, das völlig unterernährt und voller Läuse kam, ebenso wie seine zwei Geschwisterkinder. Leider konnte das Jugendamt keine Pflegeeltern für die Kinder finden, sodass diese zurück zu ihren Eltern mussten, die in einem Schuppen wohnen und nicht wissen, wie sie die Kinder ernähren sollen“, berichtet die 43-Jährige von einem besonders drastischen Fall.

Dreimal die Woche besucht Stefanie Vogel mit einem Team von Freiwilligen das Krankenhaus, verteilt Windeln an die Kinder ohne Eltern, spielt mit den Kleinen und gibt ihnen zu essen. „Wir halten sie, wir wickeln sie, wir sind für sie da, wenn die Krankenschwestern kommen und Medikamente verteilen und geben ihnen einfach ein Stück weit Geborgenheit.“ Insgesamt sind es 35.000 Pampers im Jahr, die sie dem Krankenhaus für die Babys ohne Eltern zur Verfügung stellen.

Über die Jahre wuchs die Arbeit der zwei Freundinnen stetig, weshalb sie die Organisation „Firm Foundations Romania“ gründeten, die ausschließlich durch Spenden getragen wird. Sie errichteten ein Bildungszentrum in einem Roma-Dorf in der Nähe von Brasov, in dem aktuell 300 Kinder im Alter von drei bis 16 Jahren gefördert werden und Hilfe bei den Hausausgaben und Nachhilfe bekommen, um in der Schule erfolgreich zu sein. „Bildung ist so wichtig, damit Mädchen nicht mit 13 oder 14 schwanger werden und Kinder in Krankenhäusern abgegeben werden.“

Vogel hat selbst drei Kinder adoptiert, zwei von ihnen gehörten zu den verlassenen Babys aus dem Krankenhaus. Einige der Kleinen, denen sie damals die Windeln wechselte, sind heute junge Erwachsene, die in die Berufsschule gehen oder studieren.

„Babys und Kinder sind mein Leben. Es ist einfach toll zu sehen, wie sich die Kinder entwickeln, wenn man ihnen sagt: ‘Du bist geliebt von Gott, du bist geliebt von uns.’ Das gibt ihnen so viel Selbstbewusstsein.“ Die Schwäbin lebt inzwischen länger in Rumänien, als sie in Deutschland gelebt hat. „Das ist mein Leben. Und ja, ich könnte mir es gar nicht mehr anders vorstellen.“ (2851/10.11.2025)