Die Gesellschaft reagiert auf Ungewissheit ähnlich wie einzelne Menschen auf einen persönlichen Verlust: Das beobachtet der Schriftsteller Daniel Schreiber. “Wir tendieren dazu, den Schmerz des Verlustes abzuwehren, weil er so überwältigend ist”, sagte er in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Soeben ist Schreibers Essay “Die Zeit der Verluste” erschienen.
Der Klimawandel, antidemokratische Entwicklungen und “Kriege, die offenbar wieder zu einem gängigen Mittel der Politik werden” brächten “radikale Verluste” mit sich, erklärte der Autor. Vielen Menschen falle es schwer, diese Verluste zu benennen und sich der Trauer zu stellen, und so bleibe man “mit einem Gefühl der Bedrohung und Überforderung zurück”.
Arbeitswut und Alkoholkonsum seien typische Versuche, die Traurigkeit etwa nach einem Todesfall zu betäuben, sagte Schreiber weiter. Sie seien allerdings “letztlich problematischer als der Schmerz. Der Schmerz ist nicht der Verlust selbst, doch wir müssen mit diesem Gefühl umgehen, um dem Verlust zu begegnen.”
Der Tod eines geliebten Menschen bleibe unvorstellbar, auch nach einer Zeit der Trauer, so der Autor. “Dennoch gelingt es, das Leben weiterzuführen, irgendwann auch wieder ein gutes Leben zu führen. Ich glaube, dass uns das auch bei den kollektiven Verlusten gelingen kann, die wir derzeit erleben und die noch auf uns zukommen werden.”
Wichtig sei dafür, den eigenen Umgang mit Verlusten zu reflektieren. Menschen könnten auch mit Situationen umgehen, die sie zunächst überforderten; “wir können mit ungelösten Problemen und unbeantwortbaren Fragen leben, auch wenn es schwer ist”. Wer dieses Vertrauen in sich finde, könne auch die Zukunft wieder gestalten. Dafür brauche es Geduld, betonte Schreiber: “Es ist eine geradezu gigantische Aufgabe, in diesen Zeiten wieder so etwas wie Vertrauen zu schöpfen.”