Autor Daniel Schreiber über den Umgang mit Verlusten

"Eine geradezu gigantische Aufgabe"

In der Gesellschaft bröckeln momentan viele Gewissheiten, die Menschen lange für unumstößlich hielten. Mit dieser Unsicherheit umzugehen, ist eine große Herausforderung. Der Schriftsteller Daniel Schreiber hat sich ihr gestellt und seine Erfahrungen in seinem Essay "Die Zeit der Verluste" festgehalten. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht er über Trauer und vergebliche Schutzmechanismen, über Katastrophenszenarien und eine "informierte Zuversicht".

KNA: Herr Schreiber, wie würden sie die Situation umschreiben, in der sich die Menschheit heute befindet?

Schreiber: Wir sind mit - für viele von uns - noch nie dagewesenen Verlusten konfrontiert: der Klimawandel, antidemokratische Entwicklungen, Kriege, die offenbar wieder zu einem gängigen Mittel der Politik werden. Das bedeutet radikale Verluste. Die intuitive Reaktion darauf ist meist Verdrängung, eine Schutzreaktion. Wir können die Verluste nicht bearbeiten, oft zunächst nicht einmal benennen, und bleiben mit einem Gefühl der Bedrohung und Überforderung zurück.

KNA: Sie sprechen von einer aktiven "Trauerabwehr". Was meinen Sie damit?

Schreiber: Wir tendieren dazu, den Schmerz des Verlustes abzuwehren, weil er so überwältigend ist. Die meisten Menschen in Trauer versuchen den Schmerz zu betäuben, mit Arbeitswut, aber auch Alkohol und anderen Drogen. Allerdings sind diese Betäubungsversuche letztlich problematischer als der Schmerz. Der Schmerz der Trauer ist nicht der Verlust selbst, doch wir müssen mit diesem Gefühl umgehen, um dem Verlust zu begegnen. Das ist möglich, und mit meinem Buch möchte ich den Menschen das Gefühl vermitteln, dass sie dazu in der Lage sein werden.

KNA: Sehen Sie Parallelen zwischen persönlichen Verlusten und gesellschaftlichen Bruchlinien?

Schreiber: Durch den Tod meines Vaters und die damit verbundene Trauer hatte ich das Gefühl, kollektive Verluste viel stärker wahrzunehmen, ihnen nicht ausweichen zu können. Zunächst fand ich das sehr bedrohlich. Inzwischen bin ich eher dankbar dafür, weil wir nur mit Trauerarbeit diese Wand der Verdrängung durchbrechen können. Psychisch reagieren wir auf ganz ähnliche Art. Der Verlust eines geliebten Menschen bleibt unvorstellbar, auch nach einem Jahr der Trauer. Dennoch gelingt es, das Leben weiterzuführen, irgendwann auch wieder ein gutes Leben zu führen. Ich glaube, dass uns das auch bei den kollektiven Verlusten gelingen kann, die wir derzeit erleben und die noch auf uns zukommen werden.

KNA: Wie?

Schreiber: Ich würde mich freuen, wenn die Lesenden beim Lesen so etwas für sich durcharbeiten können, dass sie damit zu einer Art innerem Vertrauen, einer informierten Zuversicht finden. Ich meine kein blindes Vertrauen, dass alles wieder gut wird, dass übermorgen der Klimawandel gestoppt ist und die Welt in Frieden lebt. Wir haben ganz konkreten Anlass zu schrecklicher Sorge.

Mir geht es um ein Vertrauen darauf, dass wir auch mit Situationen, die uns zunächst überfordern, umgehen lernen. Wir können mit ungelösten Problemen und unbeantwortbaren Fragen leben, auch wenn es schwer ist. Wenn wir dieses Vertrauen in uns finden, dann sind wir auch besser in der Lage, die immer noch ungeschriebene Zukunft mitzuschreiben.

KNA: Dieses Vertrauen hätte man früher vielleicht Gottvertrauen genannt. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Schwierigkeit zu trauern und dem Rückzug des Religiösen?

Schreiber: Das ist eine große Frage. Bereits die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich hat der Nachkriegsgesellschaft, die ja noch deutlich religiöser war als heute, eine Unfähigkeit zu trauern bescheinigt. Vielleicht gibt es diesen Zusammenhang so, wie Sie ihn beschreiben, also nicht. Aber natürlich existiert ein großes Bedürfnis nach Spiritualität. Manche religiös konnotierte Trauerrituale haben an Kraft eingebüßt. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns nicht mit Trauer auseinandersetzen. Die große spirituelle Erzählung, auf die sich alle vermeintlich einigen können, hat an Bedeutung verloren. Heute müssen wir eigene, kleinere spirituelle Erzählungen finden, eigene Wege des Trauerns.

KNA: Immer wieder wird auch über öffentliche Trauer diskutiert, etwa bei der Bewältigung von Naturkatastrophen. Wie sehen Sie das?

Schreiber: Ich glaube, dass man Trauer nicht verordnen kann, wenn Sie das meinen. Sie ist immer etwas, das man persönlich durchleben muss. Kulturen entscheiden leider auf oft ungerechte Weise, um wen sie trauern und um wen nicht.

KNA: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Schreiber: Wir sprechen etwa nicht über die riesige Zahl der Menschen, die während der Corona-Pandemie gestorben sind. Wir wollen nicht an sie erinnert werden, weil wir uns selbst wieder in Sicherheit wiegen und diese ganze Zeit vergessen wollen. Ein anderes Beispiel ist die Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg, an die es keine wirklich gemeinschaftliche Erinnerung gibt - trotz einiger gegenteiliger Versuche. Gerade kollektive Trauer lässt sich nur schwer durch Anmahnungen oder wohlwollende Angebote steuern.

KNA: Einerseits tun wir uns schwer im Umgang mit negativen Gefühlen, andererseits ist ständig von Apokalypse die Rede. Ist das nicht ein Widerspruch?

Schreiber: Das hängt, glaube ich, mit unserer intuitiven Verdrängung bedrohlicher gesellschaftlicher Realitäten zusammen, die ich schon angesprochen habe. Wir wissen etwa seit den 80er Jahren vom Treibhauseffekt und vom beschleunigten Artensterben. Trotzdem unternehmen wir erst jetzt allmählich etwas dagegen. Hätten wir schon vor 30, 40 Jahren damit angefangen, wäre die heutige Situation eine andere. Das hängt unmittelbar zusammen: Erst verdrängen wir, dann kehrt das Verdrängte zurück und nimmt noch bedrohlichere Formen an. Eben deshalb ist es wichtig, sich Verlusten zu stellen, sie zu betrauern und mit einer neuen Realität umzugehen.

KNA: Dass die Gewissheit vielleicht immer schon eine Illusion war, ist schwer genug zu akzeptieren. Doch wie kann man sich der Ungewissheit stellen?

Schreiber: Ich wünschte, ich könnte einen einzelnen, konkreten Tipp geben. Doch diese einfachen Antworten gibt es nicht. Letztlich ist es entscheidend, den eigenen Umgang mit Trauer und Verlusten zu reflektieren, diese innere Arbeit auf sich zu nehmen. Und dabei Geduld zu haben, denn auch wenn es möglich ist: Es ist eine geradezu gigantische Aufgabe, in diesen Zeiten wieder so etwas wie Vertrauen zu schöpfen.

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