Der Predigttext des folgenden Sonntags lautet: Jesus spricht: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußeren Zeichen … Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“
aus Lukas 17, 20-24
Sie war sich ganz sicher: All die Krisen und Kriege jetzt waren zwar schlimm. Doch all diese Schrecken seien ja nur Vorboten dafür, dass nun endlich, endlich Jesus wiederkommen würde, meinte sie mit stark osteuropäischem Akzent. Dann würde das große Friedensreich Gottes anbrechen und alles würde gut. Seit der Jahrtausendwende würde sie ihn erwarten. Ein bisschen fürchte sie sich zwar vor dem Gericht, doch sie gehörte ja zu den Auserwählten, die Gnade vor dem Richter finden. Das wünsche sie auch mir, sagte sie. Und dann drückte sie mir noch eines der bunten „Wachturm-Hefte“ in die Hand, während ihre zwei Begleiterinnen freundlich lächelten.
Ich hatte sie schon öfter hier im Bahnhofstunnel stehen sehen, die drei freundlichen Frauen mit ihrem Einkaufstrolley und den bunten Heften. Ich kam mit ihnen ins Gespräch, weil mein Zug massiv Verspätung hatte. Erst im Nachhinein fiel mir auf, wie paradox das war: Ich als Theologe wartete sehnsüchtig auf meinen Zug, sie als Migrantin sehnsüchtig auf das Wiederkommen Jesu. Und weil sich beide verspäteten, waren wir ins Gespräch gekommen.

