In den USA erschießt ein Bundesbeamter eine Frau, Renée Good. Die Welt kann die Tat in Endlosschleife auf allen Kanälen miterleben. Unzählige Videos zeigen den verstörenden Vorfall. Das ist schwer auszuhalten. Trotzdem ist es wichtig, genau das zu tun und sorgfältig hinzuschauen.
Noch muss die Tragödie von den Ermittlungsbehörden ausgewertet werden. Aber schon jetzt ist klar: Die gewaltsame Tötung könnte die Fackel an einem Pulverfass sein. Zehntausende gehen auf die Straße, um Aufklärung und Gerechtigkeit zu fordern – und Bundesbeamte bedrängen sie dabei, in einem politischen Klima, in dem der Präsident zu Härte ermutigt und die Fronten weiter zuspitzt.
Iran: Machthaber schalten Internet ab
Gleichzeitig gehen Zigtausende auch im Iran auf die Straßen. Und ein großer Teil der Welt schaut kaum hin. Dort demonstrieren Menschen in vielen Städten gegen Inflation, Korruption und ein Regime, das sie seit Jahrzehnten unterdrückt. Auch dort wird geschossen. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren Dutzende Tote; einzelne Aktivisten-Netzwerke sprechen von Hunderten, manche sogar von Tausenden Toten – verlässliche Bestätigungen dafür gibt es bislang nicht. Denn die Machthaber haben das Internet weitgehend abgeschaltet, Telefone gedrosselt, soziale Medien blockiert. Die ausländische Presse hat praktisch keinen Zugang zu verlässlichen Informationen.

Der Iran leidet seit Jahren unter hoher Inflation, Währungsverfall und Arbeitslosigkeit; viele Familien können Grundnahrungsmittel und Medikamente kaum noch bezahlen. Zugleich erleben sie ein Regime, das unter vermeintlich göttlicher Mission Oppositionelle verfolgt, Wahlen manipuliert, Medien zensiert und Proteste regelmäßig blutig niederschlägt.
Besonders Frauen stehen für den Widerstand: Sie sind im Familien- und Erbrecht benachteiligt, unterliegen strengen Kleidungsvorschriften und riskieren Repression, wenn sie sich widersetzen. Die Ikone dieser Bewegung bleibt Mahsa Amini, deren Tod 2022 den Protest „Frau, Leben, Freiheit“ ausgelöst hat – an sie knüpfen viele der heutigen Demonstrierenden an.
Die Empörung in den USA, die Proteste im Iran – beides verdient Aufmerksamkeit, Hinsehen, Engagement. In Berlin gingen jetzt etwa 100 Exil-Iranerinnen und -Iraner auf die Straße, weil sie die Menschen im Iran nicht allein lassen wollen. Eine kleine Schar, die Unterstützung bitter braucht – und die daran erinnert, dass auch Wegschauen eine Entscheidung ist.
