Frankfurt a.M. Einer der ersten war der Starpianist Igor Levit. Seit Konzerte wegen der Corona-Krise abgesagt wurden, streamt er unter dem Slogan "No Fear" ("Keine Angst") Hausmusik auf Twitter. Auch viele andere Künstler senden mittlerweile Musik von zu Hause aus in Netz. Ob Pop oder Klassik, den Livestreams folgen Zigtausende Hörer in aller Welt. Das Phänomen zeigt: Musik ist in dieser Zeit der Bedrohung durch das Virus für viele besonders wichtig. "Sie kann Angst mindern", sagt der Berliner Musiktherapeut Andre Klinkenstein.
Levits Wohnzimmer-Konzerte haben heute schon Kultcharakter. Leger gekleidet, in Pulli und Socken, spielt der 33-Jährige am Flügel Liszt, Schubert oder Beethoven. Er spielt Stücke wie "Moments Musicaux" oder die Mondscheinsonate - als "heilendes, ja rettendes Moment", auch für sich selbst. Er wolle damit die "Kette der Einsamkeit" durchbrechen, sagt er.
In vielen berührten, bewundernden und manchmal auch lustigen Kommentaren danken ihm Zuhörer aus allen Ecken der Welt; massenhaft werden Herzchen verteilt. Um das "musikalische Lagerfeuer" ("Die Zeit") versammeln sich online oft mehr als 40.000 Menschen. Inzwischen fand eines der Konzerte beim Bundespräsidenten in Schloss Bellevue statt.
— Igor Levit (@igorpianist) 15. April 2020Mit Musik und Gesprächen will auch der Geiger und künstlerische Leiter der Dresdner Frauenkirche, Daniel Hope ("Hope@Home"), einen Beitrag zur "Krisenbewältigung" leisten. Musik müsse geteilt werden, denn sie sei eine "Quelle für Geborgenheit und Inspiration", sagt Hope zu seinem Livestream auf Arte Concert. Rund eine halbe Million mal wurden die ersten zwölf vom ZDF produzierten Videos Hope@Home bisher aufgerufen. Die Zuschauerzahlen für digitale Konzerte sind nach Angaben des Kultursenders überdurchschnittlich: Arte Concert verzeichnet seit Mitte März 3,5 mal so viele Musikvideo-Aufrufe wie in den Wochen davor. Die Aktion #United We Stream, die täglich Musik aus Berliner Clubs zeigt, kommt auf eine Million Views. Überhaupt seien im März und April die Musikangebote in der ZDFmediathek (mit ZDFkultur) und bei www.3sat.de überdurchschnittlich gut genutzt worden, teilte das ZDF auf Anfrage mit. Im April seien pro Tag im Schnitt 7.000 Abrufe erzielt worden, das sei wesentlich mehr als sonst in diesem Monat.
