Was macht es mit Menschen, wenn sie gegen ihren Willen in kriminelle Machenschaften geraten? Eine Arte-Serie blickt ins serbische Mafiamilieu - und findet Menschlichkeit, Überlebenswillen und Kampf um weibliche Selbstbestimmung.
Wer sich im vergangenen Jahr für die Serie "Das Attentat" begeistert hat, der wird um die Serie "Im Visier" nicht herumkommen: wieder eine serbische Serie, wieder bei Arte (ab 6. Februar, vorerst nur in der Mediathek), wieder eine Produktion, die beim Zuschauer nicht leichte Unterhaltung zum Ziel hat.
Wie soll es auch anders sein: Sonja (Anita Ognjanovic) lebt mit ihrem Vater und ihrem Bruder in einer Hochhaussiedlung am Rande der Großstadt. Existenzsorgen, Zwangsräumung, Kleinkriminalität, solche Lebensbedingungen sind in den Betonburgen beheimatet.
Der Vater ist Invalide seit dem Krieg in Kosovo, raucht, schluckt Tabletten und befindet sich mit einer Zwangsvollstreckerin im andauernden Kleinkrieg. Sonja ist 19, ausgezeichnete Sportschützin, ihr Ehrgeiz richtet sich auf eine Teilnahme an den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles. Sie trainiert hart, schon die Mutter war erfolgreich im Wettbewerb mit dem Luftgewehr. Aber die Mutter ist weit weg, sie ist in den USA, wo sie in Hotels Betten macht, Bäder und Zimmer putzt.
Das Einerlei des Alltags wird jäh unterbrochen, als Sonjas älterer Bruder Vuk (Miodrag Dragicevic) in kriminelle Machenschaften verwickelt wird. Er beobachtet, wie Mafia-Mitglieder in einer Marihuana-Plantage einen angeblichen Verräter aus den eigenen Reihen zu Tode prügeln. Der kleine Mafioso will Vuk als Augenzeuge beseitigen, Vuks Schwester Sonja erschießt ihn mit dem Gewehr des Vaters.
Damit ist der Teufelskreis eröffnet. Bruder und Schwester geraten gleichermaßen ins Radar des großen Mafioso, der seinen Sohn rächen will. Die Polizei fahndet; auch sie steht unter Druck, weil der Minister mit dem Clanchef dicke ist. Korruption ist in Serbien - siehe "Das Attentat" - verlässliche Routine.
Das Spannungsmanagement der fünf Autorinnen und Autoren - Ljubica Lukovic, Ivan Knezeviv, Srdan Golubovic, Boris Grgurovic und Nada Petrovic - sieht zunächst nach handelsüblicher Krimiware aus. Doch der erste Eindruck täuscht. "Im Visier" wird schnell besonders, die sechs Episoden a 45 Minuten mischen Drama, Thriller und Coming-of-Age.
Der Blickwinkel auf das Geschehen ist die Schnittstelle von persönlicher Freiheit und sozialem Druck. Welche persönliche Perspektive kann der Einzelne gegenüber Familie und Gesellschaft beanspruchen, welche Verantwortung ist damit verbunden? Diese Perspektive ist insbesondere die von Sonja. Sie oszilliert zwischen Ehrgeiz, Loyalität und Überforderung.
Vuk will raus aus der Verfolgungsfalle, auch seiner kleinen Tochter wegen, Vater Dragan (Boris Isakovic) sitzt in seiner gefährdeten Existenz fest, der Clanchef münzt seine Wut und Trauer in gewalttätige Verfolgung um. Der Polizeikommissar fahndet und kommt den wahren Zusammenhängen immer näher, bis auch er vor eine weitreichende Entscheidung gestellt wird.
Die wechselnden Interessen und Situationen treiben die psychologische Spannung voran. Und nicht nur das: Eine Reflexion über weibliche Kraftausprägung und Selbstbestimmung kommt hinzu.
Der Einstieg bei "Im Visier" ist körnig, ja distanziert geraten. Rasch aber zeigt sich, dass die Regie - Nikola Stojanovic, Katarina Mutic, Stefan Ivancic, Srdan Glubovic - die unterschiedlichen Strömungen der Handlung richtungsweisend lenkt und zusammenführt. Die Regie weiß, was sie tut, sie weiß, was sie will. Die Serie bekommt ihren Kosmos, genauer: ihre krimigrundierte Milieuzeichnung. Und die Protagonisten bekommen ihre Prägung aus Sympathie oder Antipathie.
Der Kommissar, die Mafiosi, Sonjas Vater sind genretypisch gezeichnet, ihre Individualität korrespondiert mit ihrer Funktion, gleichzeitig laufen hier keine Pappmache-Figuren durch die tristen Schauplätze.
Was Anita Ogjanovic als Sonja und Miodrag Dragicevic als Vuk zeigen, ist bemerkenswertes Schauspiel. Sie wachsen in ihre Figuren hinein, füllen sie aus. Der Ausnahmezustand ist ihnen nicht fremd, es scheint zuweilen, als seien sie Fremde im eigenen Leben. Und doch ist da ein Kompass, der sie und die übrigen Protagonistinnen und Protagonisten ins geteilte Glück schickt.