Museen sind voller Bilder und Skulpturen von Frauen, die brutaler sexueller Gewalt durch Männer ausgesetzt sind. Warum ist das so? Und wie lässt sich heute auf derlei Werke blicken? Eine Doku versucht sich an Antworten.
"Du hältst mich seit 300 Jahren fest - jetzt lass mich mal Luft holen!" Das sagt Proserpina zu Pluto, windet sich aus dem engen Griff seiner Hände und macht sich auf den Weg. Das Ziel der mithilfe von Animation zum Leben "erwachten" Marmorfigur: sexualisierter Gewalt in der Kunst nachzuspüren. Der Frage, wieso die bildende Kunst so übervoll ist mit Darstellungen (halb)nackter, bedrohter, vergewaltigter Frauen - und wieso Erotik hier so oft mit körperlicher Gewalt gegen Frauen einhergeht.
Proserpina, die leichtfüßig und in munter-flottem Ton durch den Dokumentarfilm "Die sexualisierte Gewalt in der Kunst - Proserpina und die Anderen" führt, den Arte am 7. Februar von 22.35 bis 23.35 Uhr ausstrahlt, weiß, wovon sie spricht: Sie wurde von Pluto, dem Gott der Unterwelt, geraubt und mit Gewalt zur Ehefrau genommen.
Die von den Brüdern Francesco Maria und Bernardo Schiaffino 1705 erstellte Marmorskulptur "Der Raub der Proserpina" steht im Palazzo Reale von Genua, zeigt den dramatischen Moment, als Pluto die sich wehrende Frau packt und davonträgt. Aus eben jener Skulptur steigt Proserpina zu Beginn des Films herab - und zu eben jenem Ort wird sie am Ende des Films, um ein paar Erkenntnisse reicher, zurückkehren.
Dazwischen ist die betont "unfertig" gezeichnete, scheinbar schnell hingeworfene Animationsfigur zwischen Wien, Paris, Boston, New York, Rom und Neapel unterwegs, recherchiert in Museen und "unterhält" sich mit zahlreichen Kunsthistorikerinnen und -historikern. In einzelnen Kapiteln werden die bekanntesten Frauenraube und Vergewaltigungen der Kunstgeschichte vorgestellt, die wiederum auf biblische und mythologische Motive zurückgehen.
Susanna im Bade etwa, die von zwei lüsternen alten Männern bedrängt wird und, als sie diese zurückweist, verleumdet und um ein Haar hingerichtet wird. Der Raub der Sabinerinnen - eine Massenentführung junger Frauen, die fester Bestandteil des Gründungsmythos von Rom ist. Oder Lucretias Vergewaltigung durch Tarquinius und ihre anschließende Selbsttötung.
Auf vielen Gemälden sind die Frauenfiguren (nahezu) unbekleidet, ihre Körper den Blicken der Betrachtenden dargeboten. Eine "Gelegenheit, schöne nackte Frauen in leicht anstößigen Posen zu zeigen", wie es Museumsdirektorin Ilaria Miarelli Mariani formuliert. Der Kunsthistoriker Michele de Monti drückt es noch deutlicher aus: Häufig dienten die Bilder schlicht "als Alibi dafür, ein wenig Pornografie zu betreiben".
Legitimieren solche Werke die reale Ausübung von Gewalt gegenüber Frauen?, fragt sich die durch den Film führende Proserpina. Aber auch: Gab es niemanden, der versucht hat, sich in die dargestellten Frauen hineinzuversetzen? Beide Fragen werden letztlich bejaht, wenn auch im ersten Fall nur vage - ein kausaler Zusammenhang ist schwer zu bemessen, liegt aber angesichts der großen Macht tradierter Bilder und der - bis heute hohen - Zahl von Femiziden nahe.
Wer sich in die Vergewaltigungsopfer hineinfühlte, waren, so zeigt es der Film, zumeist weibliche Künstlerinnen. Als frühe Ausnahme Artemisia Gentileschi, später Frida Kahlo oder Marina Abramovic. Bahnbrechend aber war auch Gian Lorenzo Berninis Proserpina-Skulptur von 1621/22: "Bernini war der erste Künstler, der meine Tränen gezeigt und mein Leiden anerkannt hat", konstatiert Proserpina: "Ein großer Schritt voran".
Es ist ein kundiger, interessanter und vielfältiger Überblick zum Thema, den die Autorin und Regisseurin Mariangela Barbanente hier bietet. Mit ihren zig Gesprächspartnerinnen und -partnern sowie zahlreichen Aspekten ist die Doku allerdings ein bisschen übervoll geraten - der Fleiß war gewaltig, der Input ist enorm. Etwas mehr Raum für Muße, Atmosphäre und Reflexion hätten dem Film wohl gut getan.
Nichtsdestotrotz ist "Die sexualisierte Gewalt in der Kunst", gerade auch durch den schönen Kunstgriff der ihr Schicksal tatkräftig in die Hand nehmenden "Betroffenen" Proserpina, sehr sehenswert: Der Film stellt die richtigen Fragen. Und er lädt eindrücklich dazu ein, stets aufs Neue den eigenen Blick zu überprüfen.