Unternehmen, die sich durch die Finanzierung von Umweltprojekten von ihren Klimasünden freikaufen: Funktioniert das? Eine Doku beleuchtet das Geschäft mit CO2-Zertifikaten, das seit einigen Jahren in der Kritik steht.
“Zahlen über Zahlen!”, heißt es hier einmal mit skeptischem Unterton über einen Bericht der österreichischen Aldi-Tochter Hofer, in dem diese ihr CO2-Kompensationsprojekt in Bangladesch präsentiert. “Worte über Worte!”, ließe sich analog dazu der erste Eindruck dieser Doku zusammenfassen.
Denn wirklich filmisch ist die Produktion nicht geraten. “Die CO2-Lüge – Was die Kompensationsgeschäfte wirklich für das Klima bringen”, die Arte am 11. Juni von 22.15 bis 23.10 Uhr ausstrahlt, setzt statt auf eindrückliche Bilder vor allem auf Worte: Das heißt konkret, auf einen umfangreichen Off-Kommentar und zahlreiche von Interviewpartnern vorgetragene Informationen. Was es in Kombination mit dem sehr interessanten, aber auch etwas spröden und komplexen Sujet durchaus herausfordernd macht, der Materie zu folgen.
Autor und Regisseur Martin Voill begibt sich auf die Spur des Handels mit CO2-Zertifikaten: also dem Versprechen, die eigenen Klimasünden mit Zahlungen für Kompensationsmaßnahmen anderswo auszugleichen. Voill nennt das Geschäftsmodell, das unter anderem seit Ungereimtheiten beim Züricher Emissionshändler South Pole zunehmend in der Kritik steht, einen “modernen Ablasshandel mit heißer Luft”.
Ein harsches Urteil, für das der Filmemacher allerdings einige Belege findet: Überhöhte oder verfälschende Bemessungsgrundlagen, Projekte, die nur auf dem Papier funktionieren, nicht über die Planungsphase hinauskommen. Kurzum: kleiner Klimanutzen bei großem Imagegewinn für die teilnehmenden Firmen, Stichwort “Greenwashing”. Schließlich greifen Kunden gerne zu Produkten, die das Label “klimaneutral” tragen.
Voill recherchiert zu entsprechenden Unternehmungen der Fußballeuropameisterschaft Euro 2024, des Kosmetikriesen L’Oreal und der österreichischen Aldi-Tochter Hofer. Dafür reist er nach Honduras, wo L’Oreal mit dem “Muskitia”-Projekt angeblich im großen Stil Mangroven aufforsten lässt, und nach Bangladesch, wo Hofer mithilfe von solaren Wadi-Desinfektionsgeräten zur Versorgung mit sauberem Trinkwasser beizutragen sucht. Außerdem lässt er sich von Andreas Mex Schaer, einem der beiden Geschäftsführer der Euro 2024, erläutern, wie diese zur “klimafreundlichsten der Geschichte” werden will.
Vieles hat Voill zusammengetragen, zahlreiche Gesprächspartner befragt: Umwelt- und Klimawissenschaftler, darunter Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut, Einheimische in Honduras und Bangladesch, die grüne EU-Abgeordnete Anna Cavazzini, Vertreter und Kontrolleure des Wadi-Projekts, Fußballfans, den Sprecher der Deutschen Bahn und viele mehr.
Für die Recherche zum “Muskitia”-Projekt lässt er sich tagelang über honduranische Wasserstraßen schippern, versucht (und scheitert dabei), zu “South Pole”-Vertretern vorgelassen zu werden, und steigt hinauf zum österreichischen Sonnblick-Observatorium auf über 3.000 Metern Höhe, um sich über aktuelle Treibhausgasmessungen zu informieren.
Schade, dass der Filmemacher das umfangreiche Material dramaturgisch nicht recht in den Griff bekommt, keine klaren Erzählfäden etabliert. Dazu kommen die fehlenden starken Bilder, irritierend dialektal angehauchte Synchronsprecherinnen (man hört also Bangladescherinnen mit österreichischem Einschlag sprechen) sowie eine ärgerliche Ungenauigkeit: Auf der Reise durch Honduras befragen die Filmemacher eine Indigene zu L’Oreal. Daraufhin reisen die Filmemacher laut Filmdramaturgie weiter – befragen aber kurz darauf dieselbe Einheimische noch einmal, diesmal zu effizienten Holzkochöfen, nun an vermeintlich anderem Ort.
Zu erklären ist das wohl schlicht mit mangelnder Sorgfalt, zumal die Interviewte nichts allzu Wesentliches beiträgt – peinlich ist der Fauxpas gleichwohl. So vermag “Die CO2-Lüge” trotz spannender Fragestellungen und umfangreicher Recherche in der Umsetzung nicht wirklich zu überzeugen. Schade, denn das Thema im Zentrum des Films hätte unbedingt größte Aufmerksamkeit verdient.