Warum küssen Menschen? Eine Arte-Doku zeigt, was Küsse im Hirn auslösen, warum sie gesund sind und wie unterschiedliche Kulturen ihre Zuneigung zeigen. Forscher, Paare und Affen liefern überraschende Antworten.
Küssen - manchmal kann man, frischverliebt etwa, nicht genug davon bekommen. Als Zeichen der Zuneigung ist der Kuss so alt wie die Menschheit. Mit diesem Ausdruck zwischenmenschlicher Emotion befasst sich die Arte-Dokumentation "Warum wir küssen" am 12. Februar um 20.55 Uhr - passend zum Valentinstag zwei Tage darauf. Der Film zeigt verschiedene Kussarten und die individuelle Bedeutung für Menschen. Beleuchtet werden aber auch erstaunliche Ergebnisse neuester anthropologischer Studien.
In Zeiten von "Social Distancing", das während der Corona-Pandemie angezeigt war, stand der Kuss einmal mehr für Nähe, Wärme und Zuneigung. Bei dem Zärtlichkeitsaustausch werden vier Hirnareale getriggert. Medizinisch gesehen ist er eine Art Wunderwaffe, die unter anderem das Immunsystem stärkt und den Blutdruck senkt. Schon vor 11.000 Jahren kamen Menschen auf diese Weise einander näher, wie ein entsprechend altes Artefakt beweist.
Umso erstaunlicher ist das Ergebnis neuester anthropologischer Studien: Nicht einmal die Hälfte der Weltbevölkerung küsst - zumindest nicht auf die Art und Weise wie im westeuropäischen Kulturkreis, erläutert die Ethnologin Catherine Whittaker. Die Expertin für Völkerkunde in Frankfurt am Main veranschaulicht dies an Beispielen von ihren Forschungsreisen nach Mexiko und den Philippinen.
Einen vergleichenden Blick ins Tierreich wagt Roland Hilgartner, der Deutschlands größtes Affengehege mit rund 200 Tieren leitet. Der Primatologe vom Affenberg Salem am Bodensee verrät, wie es die menschlichen Vorfahren - Menschenaffen wie Schimpansen und Orang-Utans - mit dem Knutschen halten.
Beim Menschen ist das Küssen in der Eltern-Kind-Beziehung ein wichtiger Baustein für die Bindungsfähigkeit ist. Das Filmteam ist dabei, wenn die Kinder- und Jugendpsychologin Anna-Lena Zietlow von der Technischen Universität Dresden den Versuchsaufbau für eine Verhaltensstudie vorbereitet. Sie untersucht dabei, wie Eltern und Säuglinge miteinander in Beziehung gehen und welche Rolle das Küssen dabei spielt.
Später im Leben hilft Küssen bei der Partnersuche und dient auch als eine Art Statusmeldung, wie es um eine menschliche Beziehung steht. Bleibt das Küssen nämlich aus, kann das der Anfang vom Ende sein. In der Duisburger Praxis für Sexualität verrät Paar- und Sexual-Therapeutin Ann-Marlene Henning, wie man mit einem simplen Trick des US-Psychologen John Gottman in nur sechs Sekunden - mit Hilfe von Küssen - Beziehungen rettet.
Vorbereitung, Recherche und Umsetzung der fürs ZDF produzierten Dokumentation von Florian Fiedler, Sabrina Schießl und Luzie Funke waren enorm aufwändig: Für den Film besuchte das Team Paris, München, Duisburg, Dresden, Salem, Freiburg und Straßburg. "Wir haben uns bei den Drehs aufgeteilt, weil einiges zeitgleich gedreht wurde. Immer in ganz enger Abstimmung, damit die Doku einen einheitlichen Look bekommt", erläutert Fiedler der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Dazu gehört ein wiederkehrendes "Symbolbild-Pärchen", das die unterschiedlichen Kussarten demonstriert. Einen roten Faden bilden zudem Umfragen auf den Straßen in Paris, Frankfurt und München, bei denen Fiedler "tolle internationale Pärchen" vor die Kamera bekam. Eine Herausforderung war für ihn, Paare wie den Griechen Alex und die Inderin Brishina zu Hause in München mit der Kamera zu besuchen. Denn sie hätten sich zunächst gescheut, "über das Thema offen zu sprechen".
Nach viel Theorie und schönen Bildern als Antwort auf die Doku-Frage "Warum wir küssen", wird wohl der Aufruf zur Praxis von Expertin Henning am Ende nicht ins Leere gehen. Für Florian Fiedler ist er die Botschaft ans Publikum: "Küssen ist die schönste Sache der Welt - und wir alle sollten das ganz oft tun."