„Krise? Natürlich spüren wir die Krise“, meinen die Jugendlichen im Unisono, „unsere Geschwister müssen arbeiten, auch wir sehen uns gezwungen, zwischen Arbeit und Schule zu entscheiden“. Am Rand der Hauptstadt Buenos Aires im Arbeiterviertel Caraza besuchen die Jugendlichen einen Kurs zur Wiedereingliederung in den Schulalltag. Sie alle haben schon früher die Schule einmal abgebrochen, meist um Lohnarbeit nachzugehen oder um kleinere Geschwister zu hüten. Das Leben für sie war schon immer schwer, doch aktuell macht ihnen die Wirtschaftskrise des Landes besonders zu schaffen.
Seit Dezember 2023 regiert in Argentinien der neoliberale Javier Milei. Er trat mit marktradikalen Reformen an, um das krisengebeutelte Land auf Wachstumskurs zu bringen. Um die dreistelligen Inflationsraten zu bekämpfen und einen ausgeglichenen Staatshaushalt zu erreichen, kürzte Milei massiv die Ausgaben, entließ bislang etwa ein Viertel aller öffentlichen Angestellten und fror die Löhne größtenteils ein.
Infolgedessen schossen die Armutszahlen in die Höhe. Einer Studie der Katholischen Universität Argentiniens (UCA) zufolge leiden derzeit fast ein Drittel (32 Prozent) aller Kinder unter Ernährungsunsicherheit. Das heißt, dass die Kinder entweder zu wenig oder nicht ausreichend nahrhaftes Essen zu sich nehmen. Etwa ein Fünftel der gesamten Bevölkerung lebt in extremer Armut.
In Caraza erhalten die Kinder und Jugendlichen, die in das Programm zur Wiedereingliederung in den Schulalltag gehen, auch Essensrationen. Die Lehrerin Patricia Vera beobachtet, dass die Schüler immer häufiger um Nachschlag bitten. „Sie erzählen uns, dass es zu Hause kein Essen“ gibt. Die Schülerin Lourdes meint, dass insbesondere das Monatsende besonders schwierig ist. „Mein Bruder arbeitet in der Nacht, gegen Monatsende sucht er sich auch für den Tag kleine Jobs, damit wir etwas zu essen haben.“
Das Problem: Selbst wer in Argentinien einen regulären Job hat, kommt kaum über die Runden. Seit dem Amtsantritt der Regierung Milei verharrt der Mindestlohn bei derzeit umgerechnet etwa 230 Euro monatlich. Das nationale Institut für Statistik geht davon aus, dass eine allein lebende Person im Oktober um die 270 Euro brauchte, um ihren Grundbedarf zu decken.
In Caraza gehen deshalb immer mehr Menschen in eine selbstorganisierte Suppenküche. Bei einem Besuch vor Ort umarmen die Schüler des Wiedereingliederungsprogramms herzhaft die Leiterin der Suppenküche, Julia Rodríguez. Auch sie gehen regelmäßig dorthin, um Essen für sich und ihre Familien zu holen. An einem normalen Mittag gibt die Suppenküche um die 1.000 Mahlzeiten aus.
Doch das reicht nicht, schildert Rodríguez. Während sie erzählt, laufen ihr einzelne Tränen über das Gesicht. Heute hätten sie mit Lebensmitteln gekocht, die eigentlich für morgen gedacht waren, morgen werde das Gleiche geschehen. Unterstützung von der Landesregierung gebe es seit Amtsantritt von Milei nicht mehr. Es fehle an allem. Mitten im Gespräch wird Rodríguez dann unterbrochen. Die Töpfe seien leer und weiterhin gebe es Andrang. Rodríguez antwortet: „Plan B. Wir haben noch ein paar Nudeln.“ Niemals dürfe eine Person hier abgewiesen werden, das sei ihr Credo.
Für die Sozialwissenschaftlerin Ianina Tuñón von der UCA ist die Kinderarmut ein Langzeitphänomen in Argentinien. „Keine Regierung hat sich je wirklich darum gekümmert“, meint Tuñón. Sie kritisiert, dass es nie Strukturreformen gab, um die Gründe der Armut zu bekämpfen. Stattdessen haben die Regierungen immer nur Direktzahlungen angeboten, auch die aktuelle. „Anfang des Jahres hat sie die Unterstützungszahlungen für Familien mit Kindern verdoppelt.“ Doch bei einer Inflation von über 200 Prozent kommt das trotzdem einer Verringerung gleich.
Tuñón meint etwas zynisch, die aktuelle Regierung habe lediglich offen gezeigt, was vorher schon Tatsache war, „dass die Familien bei der Fürsorge der Kinder alleine stehen“. Die ersten Zahlen der Regierung zeigten derweil, dass es mit der Wirtschaft wieder aufwärts gehe. Im zweiten Quartal des Jahres habe sich die extreme Armut um vier Prozentpunkte auf immer noch hohe 16 Prozent reduziert. Das ist auch die Strategie der Regierung. Präsident Milei meinte in einer Ansprache, die beste Form der Armutsreduktion sei wirtschaftliches Wachstum. Doch bis diese an alle gelangt, sind die Armen größtenteils auf sich allein gestellt.