Die ARD-Serie “Stabil” möchte das Genre “Youth-Medical” um weitere Facetten psychischer Störungen Jugendlicher erweitern. Leider ist ihr Hang zur klischeehaften Didaktik dabei noch nicht mal das Schlimmste.
Im Zeitalter der Serie hat es eine Regel zur Gesetzeskraft gebracht: Nie spoilern! Wenn die ARD jetzt “Stabil” online stellt, verbietet es sich daher von selbst, den Ausgang des Sechsteilers um eine Jugendpsychiatrie und ihre Insassen auszuplaudern. Eigentlich. Doch es gibt auch eine Art publizistischer Fürsorgepflicht, die das Publikum vor vergeudeter Lebenszeit bewahrt. Nach fünfeinhalb Folgen existenzieller Probleme gleiten alle Hauptfiguren nämlich nicht nur lachend in ein selten bescheuertes Happy-End; zwei davon genießen gar die Aussicht auf ein sorgenfreies Leben in trauter Zweisamkeit.
Man kann von dieser Verharmlosung psychischer Krankheiten also nur abraten. Dabei ist das Thema an sich verheißungsvoll: Nach einem Suizidversuch landet Greta (Luna Mwesi) in der Klinik von Dr. Kim (Abak Safaei-Rad). Sechs halbe Stunden ringt die 16-Jährige fortan mit einer Gruppe Gleichaltriger buchstäblich ums eigene Seelenheil. Zugleich aber versucht sie im geschlossenen System psychosozialer Kontrolle, das weder Außenkontakt noch Intimitäten gestattet, erwachsen zu werden. Ein pubertärer Spagat, der fast ein eigenes Genre generiert. Nennen wir es Youth-Medical.
Aktuell brillieren darin Derya Akyol und Sira-Anna Faal im RTL-Reboot der US-Serie “Euphoria” als mental kollabierende Prototypen der GenZ. 2024 ließ ZDFneo die essgestörte Ronnie (Zoe Magdalena) in “Hungry” an sich und ihrer Welt verzweifeln, nachdem Caroline Links kleines Meisterwerk “Safe” zuvor an gleicher Stelle für zwei Jugendtherapeuten Preise abgeräumt hatte. Gerade erst wurde auch Staffel zwei des wegweisenden “Club der roten Bänder” abgedreht. Und jede dieser Fiktionen wirft ein ebenso authentisches wie lehrreiches Bild auf Heranwachsende im Dauerstress einer krisengebeutelten Epoche.
“Stabil” dagegen erreicht allenfalls den Tiefgang einer mittelmäßigen Vorabendserie. Schlimmer noch: Inhaltlich grenzt sie oft an Körper-, Geist- und Seelenverletzung. Und das nimmt bereits in Minute zwei seinen Anfang.
Vom vermeintlich mitverschuldeten Tod ihrer Schwester Nele lebensmüde, rast Greta mit dem Motorroller frontal gegen die Wand. Dass sie dabei nur zwei, drei dekorative Cuts im makellos hübschen Gesicht davonträgt, ist nur eines der unzähligen Inszenierungsklischees. Rückstandslos genesen nämlich zieht die 16-Jährige sodann in eine Kinder- und Jugendpsychiatrie, wo ihr eine Betreuerin “Uwe, Deinen Bezugspfleger” vorstellt.
Das bevormundende Erklärbär-Fernsehen deutscher Art schießt sofort aus allen Didaktik-Rohren und sichert es mit einem Kugelhagel stereotyper Charaktere ab. Der spielsüchtige Killer (Uhud Karakoc) heißt wie sein Egoshooter und ist natürlich übergewichtig. Die autoaggressive Michelle (Katharina Hirschberg) wäscht sich nie und nascht dazu Chilischoten. Ein aggressiver Hooligan namens Fresse (Beren Zint) schlägt um sich und trägt Goldkettchen. Keine drei Sekunden nach ihrer Einführung packt jede Figur all ihre Macken auf den Stationstisch, damit auch ja niemand Zweifel daran hat, wie krass so eine Einrichtung ist.
Für alle inszenatorischen Mängel und Widersprüche fehlen hier Zeit und Raum. Nur so viel: Dass der Gewalttäter im Zimmer des Gewaltopfers Alireza (Caspar Kamyar) einquartiert (und hinter ihm abgeschlossen) wird, ist sogar noch absurder als Alizeras Turtelei mit der verlusttraumatisierten Greta zwei Szenen später.
Und wie der zu Schulzeiten gemobbte Alireza beim Ausflug ins Shoppingcenter Sekundenbruchteile vorm ersten Kuss mit Greta die Täter von damals trifft, ist ebenso billig konstruiert wie Fresses weicher Kern, den uns sein behutsamer Umgang mit Faltern (im Abendlicht) und Pferden (in Zeitlupe) einzuprügeln versucht. Und noch ein kleiner Tipp für Nachwuchsfilmemacher: Gelegentliche Flashbacks sind ein legitimes Hilfsmittel zeitüberlappender Erzählungen. Permanent verwendet, stehen sie einfach nur für Denkfaulheit.
Das ist schon deshalb schade, weil Luna Mwezi – die 2020 bereits mit 13 als drogensüchtiges “Platzspitzbaby” im Kino imponierte – sich spürbar die Seele ihrer kaputten Figur aus dem Leib spielt. Auch Ronald Zehrfeld als Pfleger Uwe ist meist authentisch. Und die Patienten viertelstundenweise beim Therapie-Dialog zu beobachten, ringt dem Boom-Genre Youth-Medical intensive Facetten ab – wäre das Happy-End kein Schlag ins Gesicht realer Menschen, die statt fünf klischeehafter Episoden häufig lebenslang mit ihrer Psyche ringen.