Ängste schützen vor Gefahren. Schränken sie jedoch den Alltag ein, müssen sie angegangen werden. Nach der Corona-Pandemie sind besonders viele Kinder betroffen. Ihre Eltern können online Unterstützung erhalten.
Auf einmal war das Monster unterm Bett da. Nun taucht es immer auf, wenn es im Kinderzimmer dunkel wird und hindert die fünfjährige Marie beim Einschlafen. Anfangs kam das Monster nur ein paar Mal in der Woche, doch mittlerweile ist es jeden Abend da und führt Maries Eltern an den Rand der Verzweiflung, wenn sie ihre Tochter ins Bett bringen wollen und sie nicht allein einschlafen kann.
“Ängste vor Fantasiekreaturen treten im Kindergartenalter häufig auf und sind normalerweise vorübergehend”, sagt Julia Adam, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin am Centrum für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (CEKIP) der Uniklinik Köln. Andere Beispiele für entwicklungsphasentypische Ängste seien die Furcht vor lauten Geräuschen im Säuglingsalter sowie die Angst vor Gewittern oder anderen Naturkatastrophen in der frühen Kindheit, so die Expertin.
Bleiben Ängste und schränken sie den Alltag ein, müsse geschaut werden, woher sie kommen: “Die Angst beim Einschlafen kann zum Beispiel in Verbindung mit einer Trennungsangst stehen, die Trennung von der Mutter.” Kinder würden dabei Unterstützung benötigen, denn sie verfügen noch nicht über eine Strategie, sich selbst mit ihren Ängsten auseinanderzusetzen.
Bedingt durch die COVID-19-Pandemie haben Fachleute eine Zunahme von Ängsten bei Kindern beobachtet. Die COPSY-Längsschnittstudie untersucht seit 2020 die Auswirkungen und Folgen der Pandemie sowie weiterer globaler Krisen auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ein Ergebnis ist, dass rund 30 Prozent der Sieben- bis 17-Jährigen in den vergangenen Jahren Angstsymptome entwickelt haben. Vor der Pandemie waren es nur rund 17 Prozent. Adam erklärt: “Während der Pandemie haben Kindern durch die Einschränkungen des Alltags Übungsfelder gefehlt, ihre Kompetenzen weiterzuentwickeln – wie die sozialen Kompetenzen im Umgang mit Gleichaltrigen.”
Ängste entstehen multifaktoriell, das heißt, es gibt verschiedene Bedingungen, die dazu beitragen, dass sie entstehen und aufrechterhalten werden. Manche Menschen haben eine genetische Veranlagung, Ängste zu entwickeln. Kinder spüren zudem, wenn ihre Eltern besorgt sind und können dies übernehmen. Doch dies funktioniert laut der Expertin ebenso andersherum: “Kinder können auch mutiges Verhalten von ihren Eltern lernen. Das kann bei der Bewältigung von Ängsten helfen oder auch einer Angstentstehung vorbeugen.”
Ausgelöst werden Ängste oft zudem durch Belastungssituationen, wie etwa die Trennung der Eltern, Mobbingerfahrungen oder auch durch fiktionale Inhalte, die Kinder im Fernsehen oder im Internet sehen. Ist eine Angst erst einmal da, kommt es meist zu einer Vermeidung der Situation, die diese Angst ausgelöst hat. Adam: “Eltern sollten diese Situation gemeinsam mit dem Kind bewältigen und eine Strategie entwickeln.”
Im Fall von Marie, die Angst vor Monstern und dem Alleinsein in der Dunkelheit hat, ist das Ziel, dass sie wieder allein einschlafen kann. Adam rät: “Das Kind ist immer als Experte seiner Angst anzusehen und sollte selbst- beziehungsweise mitentscheiden.” So sei es zuerst nötig, dass die Eltern die Ängste des Kindes ernstnehmen und darüber sprechen.
Anschließend muss ein Plan ausgearbeitet werden. “Die Mutter kann am Anfang beim Einschlafen des Kindes zum Beispiel noch mit im Bett liegen, berührt es aber nicht mehr wie gewöhnlich”, schlägt Adam vor. “Als nächsten Schritt sitzt sie nur noch auf der Bettkante und hält die Hand. Einige Zeit später genügt es dann, wenn sie einen Meter vom Bett entfernt auf einem Stuhl sitzt und irgendwann bleibt nur noch die Tür offenstehen.”
Das Kind lerne über die eigene Angst dazu – und erfahre, dass Angst nicht ins unermessliche steigen kann. “Der Körper kann sich an die Angst und Anspannung gewöhnen, wodurch sie immer kleiner und kleiner wird und schließlich verschwinden kann.”
Im Auftrag der Krankenkasse AOK hat Adam gemeinsam mit einem Team aus Psychotherapeuten einen Online-Familiencoach als Selbsthilfeplattform entwickelt, der Eltern und Kinder unterstützen soll, Ängste anzugehen. “In vier Modulen können Eltern lernen, die Ängste ihrer Kinder anzuschauen”, sagt Astrid Maroß, Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie im AOK-Bundesverband.
Neben der Wissensvermittlung, was Ängste sind, wo sie herkommen und wie sie entstehen, gibt es Beispiele für Expositionen – das heißt, die angeleitete Konfrontation mit der angstauslösenden Situation. Dies sind Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie. “Es ist wichtig, dass Eltern angeleitet werden, allen mit den Kindern gemeinsam zu machen”, erklärt Adam.
Rund 15.000 Mal wurde der kostenfreie Coach innerhalb der ersten zehn Monate, in denen er online ist, bereits aufgerufen. Genaue Zahlen kann das Entwicklungsteam nicht liefern, da keine Anmeldung erforderlich ist. “Das Gute an unserem Konzept ist, dass jeder völlig autonom für sich entscheiden kann: ob, wann, wie viel oder in welcher Detailtiefe er das Informationsangebot für sich nutzen möchte”, erklärt Maroß.
Adam weist zudem darauf hin, dass der Coach keine Diagnostik oder Therapie bei Angststörungen ersetzen könne. Sehr stark ausgeprägte Ängste, die sich verfestigt haben und den Alltag der Familie maßgeblich einschränken – wenn beispielsweise die Eltern nicht mehr arbeiten gehen können, weil das Kind rund um die Uhr Betreuung benötigt oder gar nicht mehr schlafen kann – bedürfen einer psychotherapeutischen Behandlung.