Lakonisches Drama um eine selbstständige georgische Frau um die 50, die zum ersten Mal Liebesgefühle empfindet, sich aber ihre Freiheit bewahren will.
In Zusammenarbeit mit filmdienst.de und der Katholischen Filmkommission gibt die KNA Tipps zu besonderen TV-Filmen:
Etero (Eka Chavleishvili) ist Ende vierzig und betreibt eine kleine Drogerie in einem Dorf in Georgien. Sie ist Single, was in ihrem Alter in der patriarchalisch geprägten Provinz eine Seltenheit ist; die Dorfgemeinschaft belächelt und bemitleidet sie gleichermaßen. Doch Etero ist zufrieden mit ihrem selbstbestimmten Leben.
Bis ein Beinahe-Sturz in eine Schlucht beim Brombeersammeln in ihr eine unbekannte Sehnsucht nach Veränderung weckt. Sie stürzt sich in eine wilde Affäre mit dem Lieferanten ihres Ladens (Temiko Chinchinadze) und entdeckt die Sinnlichkeit des Lebens. Doch sie ist auch verunsichert und will sich ihre Freiheit bewahren.
Das ruhig erzählte Drama von Elene Naveriani von 2023 handelt in satten Farben und mit lakonischer Melancholie von einer faszinierend eigenständigen Frau in einer Umbruchsphase, die zugleich beglückend wie verunsichernd ist. In den realistischen Grundton schleichen sich dabei immer wieder fantastische Sequenzen und Verfremdungselemente hinein. Geerdet wird der Film indes durch die präzise Hauptdarstellerin Eka Chavleishvili.
Braun-grünlich sprudelndes Wasser eines Flusses. Dann ein Brombeerstrauch, der Beeren trägt, deren Farben – Grün, Rot und dunkles Violett – die verschiedenen Stadien der Reife anzeigen. Eine Hand pflückt Beeren, bis die Kamera schwenkt und den Blick auf das Gesicht der zur Hand gehörenden Person freigibt: eine Frau, nicht mehr jung, aber auch noch lange nicht alt. Sie trägt den klingenden Namen Etero Gelbakhiani.
“Amsel im Brombeerstrauch” spielt in einem abgelegenen Dorf in Georgien. Etero führt die Beeren zum Mund und blickt einer davonflatternden Amsel nach. Dann zieht die Kamera auf und gibt den Blick frei auf die tiefe, bewaldete Schlucht, durch die sich der Fluss wälzt. Etero stolpert, kommt ins Rutschen, dem reißenden Wasser entgegen. Sie könnte von Glück reden, dass sie wieder festen Boden unter die Füße bekommt.
Doch Etero ist keine, die von Glück redet. Die Protagonistin des dritten Spielfilms von Elene Naveriani spricht nicht viel und hat wenig Kontakt. Sie ist 48, alleinstehend und betreibt im Dorf einen Haushaltwarenladen. Vom Sturz trägt sie einige Schrammen davon und begibt sich humpelnd auf den Rückweg ins Dorf. Auf der Brücke über der Schlucht hält sie inne und schaut hinunter. In ihrer Fantasie sieht sie ihren leblosen Körper am Ufer des Flusses, umgeben von Leuten aus dem Dorf.
Solche Einschübe gibt es mehrfach in dem Werk, das auf dem Roman “Amsel, Amsel, Brombeerstrauch” von Tamta Melaschwili beruht. In einem sieht Etero spätnachts unverhofft ihren verstorbenen Vater und Bruder im Wohnzimmer sitzen, ein anderes Mal erhascht sie im Krankenhaus einen Blick auf ihre eigene, aufgebahrte Leiche.
Diese Inserts eröffnen den Blick auf eine zweite, für Etero offensichtlich durchaus gegenwärtige Welt. Sie spiegeln ihr inneres Erleben und verpassen dem Film eine magisch aufgeladene Ebene. Die Visionen zeigen, dass der Unfall zur Initialzündung für den Start in einen neuen Lebensabschnitt geworden ist.
Etero ist zurück in ihrem Laden, als ihr Lieferant Murman auftaucht. Etero nimmt – das ist wörtlich zu verstehen – seine Witterung auf, schließlich fallen die beiden unverhofft übereinander her. “Ich hätte nicht gedacht, dass du mich auch magst”, sagt Murman danach. Er solle niemandem etwas sagen, bittet Etero und schickt Murman hinaus in den strömenden Regen. Sie sperrt die Tür zu, greift in ihren Slip, schaut prüfend auf das Blut an ihren Fingern und murmelt: “Das war’s. Deine 48 Jahre Jungfräulichkeit!”.
In der Folge zeigt Naveriani einige Treffen der beiden. Im Auto, idyllisch auf einer abgelegenen Bergwiese, einmal auch in einem Hotel. Über Murman erfährt man nur, dass er verheiratet ist, zwei Enkelkinder hat, später als Fernfahrer in der Türkei unterwegs ist. Er spricht Etero gegenüber von Liebe, möchte mehr Verbindlichkeit. Etero möchte Sex, aber auch ihre Freiheit und Ruhe.
Vage nur deutet der Film an, was Etero dem Leben gegenüber bisher derart verschlossen machte. Der Krebstod ihrer Mutter kurz nach ihrer Geburt. Das Verhältnis zum Vater, der sie insgeheim für den Tod seiner Frau verantwortlich macht.
Naveriani lässt die Nachbarn – es sind fast ausschließlich Nachbarinnen – in der Funktion auftreten, die in alten griechischen Dramen dem Chor zukam: Klatsch und Tratsch zu verbreiten und dabei mitzuteilen, was Usus und Gebot ist – oder eben verboten. Etero meidet diese Kaffee-und-Kuchen-Runden meist. Ist sie einmal doch dabei, hört sie meist schweigend zu. Ab und an aber klinkt sie sich in eine Diskussion ein und zeigt sich schlagfertig. Etwa wenn süffisant vom fehlenden Glück der Unverheirateten die Rede ist.
Naveriani erzählt in ruhigen Bildern und satten Farben. Die Einstellungen sind oft lang, die Komposition gemahnt bisweilen an Gemälde. Eine lakonische Melancholie klingt an, ebenso wie eine Verlorenheit der Figuren.
Getragen wird “Amsel im Brombeerstrauch” von der Hauptdarstellerin Eka Chavleishvili. Sie überzeugt mit Präzision und starker Präsenz. Ihre Etero ist eine eigenständige und starke, zugleich aber auch überaus feinfühlige Frau, die – ohne dass sie selbst dies so formulieren würde – emanzipiert ihrer Wege geht.