Adler des Bildhauers Gaul in Frankfurt “gelandet”

Skulpturensammlung in Frankfurt zeigt Tiere von August Gaul

Jumbos Kopf aus Bronze des Bildhauers August Gaul (1869-1921) ruht auf einem Block, der seinen Namen trägt. Dem Porträt des Orang-Utans wird die gleiche darstellerische Behandlung zuteil wie der Büste von Kaiser Marc Aurel (121-180 n. Chr.) direkt neben ihm. Mit diesem bezeichnenden Nebeneinander startet die vom 13. November bis 3. Mai 2026 geöffnete Ausstellung „Tiere sind auch nur Menschen“ der Liebieghaus-Skulpturensammlung in Frankfurt am Main.

Die Ausstellung präsentiere mit 93 Werken Gauls die gesamte Bandbreite eines der ersten modernen Bildhauer Deutschlands, sagte Museumsdirektor Philipp Demandt bei der Vorstellung der Schau am Mittwoch. Im Liebieghaus treten die Werke in einen Dialog mit Skulpturen aus drei Jahrtausenden.

Der präzise Naturbeobachter Gaul zeige die Tiere auf ihre Grundform reduziert als fühlende Wesen, erläuterte Demandt. Er habe sie von Symbolen der griechischen Mythologie, des Christentums oder politischer Herrschaftsansprüche befreit. Das werde unter anderem deutlich an Gauls besonderer Art eines Reiterstandbilds, gemeinhin die „edelste Form der Würdigung eines Herrschers“. Gaul hingegen zeigt einen Esel, auf dem ein Knabe sitzt.

Im Garten des Liebieghauses ist pünktlich zu Ausstellungsbeginn der überlebensgroße Adler „gelandet“, den der Künstler 1897 ursprünglich für das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal in Berlin aus Kupferblech geschaffen hat. Er zeigt das Tier mit ausgebreiteten Schwingen im Anflug auf sein Nest und verzichtet auf jede Form der Heroik, die traditionell bei Adler-Darstellungen häufig zu sehen sind. Anstelle einer politischen Symbolik steht das natürliche Verhalten des Vogels.

August Gaul, 1869 im hessischen Hanau-Großauheim geboren, sei in einer Zeit groß geworden, in der erstmals die seelische Verfasstheit des Tieres diskutiert wurde, erläuterte Kurator Vinzenz Brinkmann. Er verwies auf den Natur- und Evolutionsforscher Charles Darwin (1809-1882), der 1872 ein Buch zur Emotionalität von Mensch und Tier veröffentlichte. „Gauls Skulpturen verbinden Zärtlichkeit mit strenger Klarheit. Zum ersten Mal in der europäischen Kunstgeschichte zeigt er das Tier als eigenständiges Individuum“, sagte Brinkmann. In Gauls Stehender Löwin etwa begegne den Betrachtern eine Persönlichkeit mit Ernsthaftigkeit und Sorge im Blick der bernsteinfarbenen Augen.

Fürsorglich ist der Blick der liegenden Löwin, auf der zwei junge Löwen balgen. Das Werk „Mutterfreuden“ von 1907 steht im scharfen Kontrast zur Darstellung von Knaben aus Gips, deren Originale aus dem 2. Jahrhundert vor Christus stammen. Einer der Knaben aus dem sogenannten Hellenismus stützt sich mit seinem ganzen Gewicht auf einer Gans ab, ein anderer scheint eine Gans eher zu würgen als zu umarmen.

August Gaul habe in Berlin, wo er Meisterschüler des Bildhauers Reinhold Begas (1831-1911) war, eine lebenslang gültige Eintrittskarte für den Berliner Zoo gewonnen, berichtet Kurator Brinkmann. Diese habe er fast täglich genutzt, um die Tiere zu betrachten. Er wolle mit seiner Arbeit nicht die Natur pedantisch imitieren, sondern ihren seelischen Kern festhalten, ist der Bildhauer in der Ausstellung zitiert.

Eilig sind einige der Tiere unterwegs in dem Werk „Auf dem Weg zur Arche Noah“. Schweine im Galopp etwa, Bären und ganz vorn die Eulen scheinen das Schiff auf keinen Fall verpassen zu wollen.

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