Vom Preis mit Patina zum Podcast-Hit: Auch ältere Reden, die zur Verleihung des Friedenspreises gehalten wurden, finden neuerdings wieder ein Publikum. Das verrät auch etwas über die heutige Zeit.
Zum 75. Bestehen trifft der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels einen Nerv: Das beobachtet Martin Schult, Referent für den Friedenspreis im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der die Auszeichnung seit 1951 verleiht. “Heute passt das Format wieder”, sagte er am Mittwoch der Katholischen Nachrichten-Agentur – nachdem die Verleihung zeitweise etwas altbacken erschienen sei.
Am 3. Juni 1950 wurde die Auszeichnung erstmals vergeben, damals in Hamburg an den jüdischen Verleger Max Tau. Heute gehört der Friedenspreis zu den renommiertesten Auszeichnungen in der Bundesrepublik.
Bei Künstlerinnen, Schriftstellern, Philosophen oder Historikerinnen setze das schier unerklärliche Verhalten von Mächtigen offenbar neue Kreativität frei, fügte Schult hinzu. Zudem wünschten sich viele Menschen, dass jemand erklären möge, was derzeit in der Welt geschehe. Daher erreichten auch ältere Reden von Preisträgerinnen und Preisträgern wieder ein breiteres Publikum – etwa über Mediatheken. Dort würden sie abgerufen wie Podcasts: als nachdenkliches Format, das weniger polarisieren als anregen wolle.
Das Jubiläum werde nicht eigens gefeiert, sondern gehe in den 200-Jahr-Feiern des Börsenvereins auf, sagte der Fachreferent. Geplant sei jedoch, jüngere Autorinnen und Autoren um eine neuerliche Auseinandersetzung mit älteren Reden zu bitten: So ließen sich Linien nachzeichnen, die durch die Zeiten gingen – und manche überraschend aktuelle Beobachtung machen.
Seit 1951 wird der Preis jeweils zur Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche verliehen und ist mit 25.000 Euro dotiert. Im vergangenen Jahr erhielt ihn die Journalistin und Historikerin Anne Applebaum. Zuvor ging er etwa an Albert Schweitzer, Ernesto Cardenal und Vaclav Havel sowie Astrid Lindgren, Peter Esterhazy, Liao Yiwu und Salman Rushdie. 1973 wurde mit dem Club of Rome zum einzigen Mal eine Organisation geehrt. Mit Alva und Gunnar Myrdal 1970 und Aleida und Jan Assmann 2018 erhielten zwei Mal auch Paare den Friedenspreis.