Dieser Dokumentarfilm ist autobiografisch geprägt: Anhand der Beobachtung dreier Generationen von Frauen einer Familie spürt er der Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf nach.
Wie hängen eine Kunsthochschule und eine Geburtsklinik zusammen? Auf den ersten Blick scheint beides gegensätzlich – bedeutet Nachwuchs für Frauen doch auch heute noch, dass ein Studium nicht leicht damit vereinbar ist. Vor hundert Jahren schlossen sich Beruf und Familie für Frauen noch ganz aus.
Dennoch baute der Architekt Fritz Schumacher 1914 die Frauenklinik Finkenau in Hamburg an einem zentralen Ort der Stadt, um die Geburt in der Klinik für ärmere Frauen und Prostituierte zu etablieren. Viele Jahrzehnte existierten die Frauenklinik und die Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK) Seite an Seite, bis die Klinik wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit im Jahr 2000 schließen musste. Heute beherbergt das Haus ebenfalls Lehrräume der HFBK. In den mit Linoleum ausgelegten Gängen mit hohen Decken und Handläufen an den Wänden ist der alte Bau noch deutlich zu erkennen.
Beide Häuser spielen in der Familie der Filmemacherin Katharina Pethke eine große Rolle. Im Dokumentarfilm “Reproduktion”, den 3sat am 17. November ab 22.25 Uhr zeigt, porträtiert sie drei Generationen von Frauen, die Künstlerinnen und Familienmütter zugleich sind, wenn auch nicht immer gleichzeitig.
Ihre Großmutter Rosemarie stammte aus betuchten Verhältnissen. Sie war zeichnerisch begabt und begann nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 ein Kunststudium. Ein Jahr später lernte sie ihren Mann kennen, wurde schwanger und musste ihre Karriere beenden. Als Mutter von vier Kindern zog sie diese auf und führte den Haushalt, während der Mann die Rolle des Ernährers übernahm.
Für die damalige Zeit war dies normal, doch Rosemarie wurde mit ihrer Hausfrauenrolle nicht glücklich: “Ich bin doch nur euer Feudel”, soll sie zu ihren Kindern gesagt haben. Familienfotos und Zitate aus einem Interview mit der Großmutter veranschaulichen den Lebensweg Rosemaries, die sich resigniert dem Zeitgeist unterordnete und ihr Leben als unvollendet betrachtete.
Im Film steht eine Skulptur sinnbildlich für die Interpretation von Mutterschaft: “Frauenschicksal” von Elena Luksch-Makowsky. 1913 wurde sie als einziges Werk einer Frau für den neu eröffneten Hamburger Stadtpark ausgewählt. Sie symbolisiert die Zerrissenheit der Künstlerin zwischen ihrer Rolle als Mutter und ihrer Sehnsucht, sich beruflich zu verwirklichen. Drei Kinder klammern sich an den Rock der Figur, während ihr Kopf sich von ihnen ab- und dem Kuckuck auf ihrer rechten Schulter zuwendet – als einem Symbol der Freiheit.
“Reproduktion” wird vom Kommentar der Regisseurin begleitet und bindet aktuelle und historische Exkurse in die Erzählung ein. Unterhaltsam und anschaulich wird die Geschichte der Hamburger Stadtarchitektur ergänzt, die sich in den Schicksalen dreier Frauengenerationen spiegelt. Denn Pethkes Mutter Maria, die älteste Tochter von Rosemarie, wollte nicht so enden wie ihre Mutter. Dies entsprach auch dem Geist der Achtundsechziger, alles anders zu machen.
Nach ihrem Studium an der HFBK zog Maria ihre Kinder von unterschiedlichen Vätern größtenteils allein auf und ernährte sie selbst. Bei Elternabenden in der Schule gehörte sie nicht zu den Müttern, die sich im Elternrat engagierten oder Kuchen backten. Doch ihre Unabhängigkeit war bitter erkauft. Von ihren Eltern wurde sie aus dem Haus geworfen und erhielt im Gegensatz zu ihren Brüdern keinerlei finanzielle Unterstützung für ihr Studium.
Marias Tochter Katharina ist Filmemacherin und trat mit 33 Jahren an der HFBK eine Professur für Film an – im Gebäude der ehemaligen Frauenklinik. Dort fungiert der Ex-Kreißsaal nun als Kinosaal. Pethke, Repräsentantin der dritten Frauengeneration ihrer Familie, wurde bei der Erziehung ihres Kindes von ihrem Lebensgefährten unterstützt. Nach ihrer Elternzeit blieb er zu Hause.
Dennoch hat die HBFK bis heute keinen Hort für Studierende mit Kindern und nimmt im Betrieb an der Hochschule auch kaum Rücksicht auf Angestellte mit Kindern, wie es heißt. Mehrfach riet man der Regisseurin bei Sitzungen, die sich bis in die Nacht zogen, ihre Kinder lieber nicht zu erwähnen. Als ein Kollege Pethke fragte, was sie als Professorin geschafft habe, entschloss sie sich zu dem Film “Reproduktion”.
Das Resultat kann sich sehen lassen. Pethke gelingt es – mal klassisch erzählend, dann wieder in gebrochener Chronologie -, einen plausiblen Erzählfaden und überzeugende Bilder zu finden. Sie zeigen Kontinuität, Entwicklung und Stagnation und deuten an, wie weit die Gesellschaft, zumal im Bereich der Kultur, von dem entfernt ist, was sie nach außen über sich selbst postuliert.