So viel Einmütigkeit war selten: Im vergangenen Juli stimmten 688 Abgeordnete des Bundestages für einen Ausbau der Suizidprävention in Deutschland. Sie forderten, dass die Bundesregierung bis zum 31. Januar 2024 eine Suizidpräventionsstrategie vorlegt. Doch mittlerweile sieht es so aus, als versande das Thema angesichts von Krisen und Haushaltsengpässen.
Das Konzept für eine Strategie liegt nicht vor. Denkbar gering sind auch die Mittel des Bundeshaushalts 2024 für Prävention. Bedroht ist darüber hinaus die Arbeit des Nationalen Suizidpräventionsprogramms für Deutschland (NaSPro), eines bundesweit agierenden Netzwerks für Erforschung und Austausch zu Suizid, Suizidalität und Suizidprävention.
Suizid: Anstieg in 2022 registriert
Dabei hatte die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidbeihilfe von 2020 ganz deutlich gemacht: Wenn die Richter einerseits den frei verantwortlichen Suizid als einen wichtigen Ausdruck von Selbstbestimmung werten, sollte der Staat zumindest bei den nicht freiverantwortlichen Selbsttötungen gegensteuern. Wie nötig das wäre, zeigen die aktuellen Statistiken: 2022 nahmen sich bundesweit 10.119 Menschen das Leben. Dies entspricht einem Anstieg um 9,8 Prozent oder 904 Fällen gegenüber dem Vorjahr. Erstmals seit acht Jahren liegt die Zahl wieder über 10.000; zudem ist der prozentuale Anstieg binnen eines Jahres der stärkste seit 1980. Eine bedenkliche Entwicklung: Noch immer sterben in Deutschland deutlich mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Mord und Totschlag, illegale Drogen und Aids zusammen.Für die Grünen-Politikerin Kirsten Kappert-Gonther, eine der Sprecherinnen des interfraktionellen Parlamentskreises Suizidprävention, ist es deshalb wichtig, dass sowohl die Suizidpräventionsstrategie auch das im Antrag geforderte Suizidpräventionsgesetz schnell verabschiedet werden. Beides müsse auch "finanziell hinterlegt werden", sagte sie der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Doch davon sieht man derzeit wenig: Zwar hat der Haushaltsausschuss des Bundestags im Januar den Etat für Präventionsmaßnahmen (unter anderem Suizidprävention) gegenüber früheren Entwürfen aufgestockt – allerdings nur von 850.000 Euro auf 1,764 Millionen Euro. Wie viel davon für Suizidprävention reserviert ist, ist nicht klar.#Suizidprävention kann Hoffnung auf das Leben geben. Kein Mensch darf unter Druck geraten, sein Weiterlebenwollen begründen zu müssen. Deshalb: Ressourcen für soz. Arbeit,#Pflege,psychosoz. Versorgung dürfen Spardiktat des #Bundeshaushalts nicht zum Opfer fallen", so @NY_welskop.
— Caritas Deutschland (@Caritas_web) September 10, 2023
