Er schrieb gegen die Sprachlosigkeit an, suchte nach dem wahren Ich - und bleibt damit bis heute aktuell. Zum 125. Geburtstag von Rainer Maria Rilke erklärt ein Experte, warum seine Verse noch immer Millionen berühren.
Literarische Zeilen auf Tiktok? Was der 100. Todestag von Franz Kafka ins Rollen gebracht hat, könnte sich nach Worten eines Experten zum 150. Geburtstag von Rainer Maria Rilke (4.12.) fortsetzen. "Seine Gedichte sind höchst vielfältig", sagte Holger Pils der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Er ist Leiter des Münchner Lyrikkabinetts. Geburts- und Todestage von Schriftstellerinnen und Künstlern seien stets eine gute Gelegenheit, ihr Werk "wieder in die Welt zurückzuholen".
Mit frühen Werken, etwa aus Rilkes "Stundenbuch", könnten sich viele Menschen identifizieren, erklärte Pils. Spätere, darunter die "Duineser Elegien", seien sprachlich wie inhaltlich komplex. In einem Auswahlband könne jede und jeder den "eigenen" Rilke entdecken. Der 1875 in Prag geborene Autor gilt als weltweit meistgelesener deutscher Dichter. Er habe immer ein Publikum gefunden, sagte Pils - "im Ausland vielleicht noch mehr als hierzulande."
Die existenziellen Fragen, die Rilke zeitlebens umgetrieben hätten, seien heute noch anschlussfähig, betonte Pils. Damals wie heute habe man sich in einer Umbruchzeit befunden. Der Dichter habe stets damit gerungen, die Gegensätze dieser Welt - und die in sich selbst - in Sprache zu fassen.
Als Voraussetzung für das Schreiben habe Rilke nach Klarheit über sich selbst gesucht und den Anspruch gehabt, äußere Erwartungen zu überwinden. So schreibt er in seinen "Briefen an einen jungen Dichter", wer schreiben wolle, müsse sich zunächst fragen, "ob Sie sterben müssten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben" - wer dies bejahe, solle "sein Leben nach dieser Notwendigkeit" gestalten. Wer es verneine, der solle das Schreiben besser bleiben lassen. Die Lektüre dieses Buchs empfehle sich nicht nur für Menschen, die selbst dichten, sagte Pils: "Es ist auch geeignet für alle, die Rilke besser verstehen möchten."