Zuhören statt Niederschreien – Ein junger Demokrat gibt nicht auf

22 Jahre, zwei Vereine - und ein großes Ziel

Tagsüber forscht Florentin Siegert zu Regierungsentscheidungen, abends baut er an einer Vision: Mit "youmocracy" möchte er Menschen in politische Diskussionen bringen - miteinander reden statt gegeneinander.

Florentin Siegert war 22 Jahre alt, als er im Sommer 2020 gemeinsam mit anderen den Verein "youmocracy" gründete. Schon seine zweite Vereinsgründung. Früher ging es um Musik, diesmal darum, überparteilich politische Diskussionen anzuregen. Und das deutschlandweit. "Das war keine kleine Idee. Ist vielleicht auch ein Stück weit größenwahnsinnig", sagt Siegert. "Aber wir hatten eine Vision": einen Ort zu schaffen, an dem Meinungen ausgetauscht werden, an dem Menschen einander zuhören und verstehen wollen.

Aufgewachsen ist Siegert in einer kleinen Stadt in Bayern, wohlbehütet, wie er sagt. Ehrenamtliches Engagement spielte in seiner Familie immer eine große Rolle. Auch seine Eltern sind seit ihrer Kindheit aktiv. "Ich bin unglaublich dankbar dafür, wie ich aufwachsen durfte, welche Chancen und Möglichkeiten ich bekommen habe. Das ist ein absolutes Privileg", sagt er. Daraus sei der Wunsch entstanden, etwas zurückzugeben.

Sein politisches Interesse entwickelte sich im Studium: Politikwissenschaft. Dort lernte Siegert, wie stark die Demokratie in Deutschland auf Parteien ausgerichtet ist. Also engagierte er sich vier Jahre im Stadtrat seiner Heimatstadt bei der CSU. Heute sagt er: "Es ist auch klar, dass man sich das leisten können muss." Nicht alle hätten die mentalen Kapazitäten dafür. In seiner Umgebung beobachtete er, wie unterschiedliche Meinungen aufeinanderträfen - ohne ehrliches Interesse aneinander. Für einen Schlagabtausch sei das in Ordnung, für das gemeinsame Finden von Lösungen aber nicht.

Für Siegert ein Weckruf, wieder ein Projekt aufzubauen. Zu Beginn der Corona-Zeit hatte er Zeit, mit Bekannten gemeinsam "youmocracy" zu entwickeln. Noch im selben Jahr bekamen sie einen Preis: Die Friedrich-Ebert-Stiftung honorierte ihr Konzept mit 2.000 Euro. Er erinnert sich an den Moment, als spätabends eine Mail den Preis bestätigte. "Wir haben gedacht: Jetzt verändern wir Deutschland." So leicht ging es dann aber doch nicht.

Sie suchten zunächst im Freundeskreis nach Menschen zwischen 15 und 30 Jahren, die Interesse an einer "Ausbildung zur Diskussionsforenleiterin und zum Diskussionsforenleiter" hatten. Niemand bewarb sich. Der Verein stand auf der Kippe. Die Lösung: ein Neustart als Stipendienprogramm für Demokratiebotschafterinnen und -botschafter. Heute schreiben sie das Programm jedes halbe Jahr aus, mit 50 bis 100 Bewerbungen pro Runde.

Inzwischen arbeiten 150 bis 200 Aktive für "youmocracy", inklusive acht hauptamtlichen Mitarbeitenden. Der gesamte Vorstand arbeitet ehrenamtlich. Anfangs wollten sie Diskussionsforen in möglichst vielen Städten aufbauen. Mittlerweile gehen sie anders vor: Dort, wo sich Engagierte finden, entstehen Aktionen. Diese dezentrale Struktur ist für Siegert zugleich größte Herausforderung und Stärke des Projekts.

Den ersten Vorsitz übernimmt er während seiner Promotion über "Entscheidungsprozesse der Bundesregierung zu Afghanistan". Bis abends arbeitet er an der Doktorarbeit, um sich nach dem Abendessen wieder an den Laptop zu setzen - für "youmocracy". Er wisse, wofür er das mache: "Weil wir das Gefühl haben, wir können da was bewegen."

2025 gab es nach Siegerts Worten knapp 100 Workshops. Wenn Menschen in einer Region sagen, dass dort etwas getan werden müsse - und ein wenig Geld mitbringen -, dann könne man vieles umsetzen, sagt Siegert. Inzwischen gebe es so viele "youmocracy"-Veranstaltungen, dass er gar nicht mehr alle mitbekomme. Er hofft, dass sie ihre Arbeit künftig weiterführen können: Die finanzielle Förderung werde immer schwieriger, weil viele Geldgeber sparen müssten.

Trotzdem ist Siegert optimistisch. Mal mehr Veranstaltungen, mal weniger - je nachdem, wie viele Aktive und Gelder sie haben. Hauptsache, der Faden reißt nicht ab.

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