Zu Besuch in einer “Gammel-Oase” für Menschen mit Demenz

"Hier wird keiner geweckt" - Eine Frage der Haltung

Einfach auf dem Sofa im Wohnbereich liegen, nichts tun, sich treiben lassen - in einer Marler Senioreneinrichtung dürfen Menschen mit Demenz nach Herzenslust "gammeln". Allen Beteiligten tut das gut.

Eine Pflegeassistentin sitzt auf einem Sofa, an sie hat sich eine Frau angelehnt und döst vor sich hin. Eine Küchenhilfe sitzt mit einer Seniorin am Frühstückstisch und leistet ihr beim Essen Gesellschaft, eine Putzkraft begleitet einen Senior gemächlich über den Flur. Wer die "Gammel-Oase" für Menschen mit fortgeschrittener Demenz im Julie-Kolb-Seniorenzentrum in Marl besucht, spürt eine besondere, zugewandte und entspannte Atmosphäre.

Alle Mitarbeitenden dieser Station der AWO-Einrichtung - ob Küchenhilfe, Pflegekraft oder Reinigungspersonal - wissen: Hier stehen Demenzkranke und deren Wohlbefinden im Mittelpunkt, nicht das Abarbeiten fachlicher Aufgaben. Die Bedürfnisse der Bewohner hätten immer Priorität, erklärt Wohnbereichsleiter Christian Löbel. Heißt: Wer beispielsweise mitbekommt, dass ein alter Mensch Gesellschaft oder Halt braucht, ist für die Person in dem Augenblick da. "Der Bewohner gibt bei uns den Takt vor."

"Wir müssen unsere Arbeit völlig anders organisieren; unser Fokus liegt auf der Begleitung", sagt der 28-Jährige. "Wir beobachten und fragen uns: Was braucht der Bewohner gerade - und dann handeln wir spontan." "Wir haben als Mitarbeiter quasi einen ganzen Bauchladen: Mal kümmern wir uns um die Pflege, mal helfen wir einem Menschen beim Essen, gehen mit ihm spazieren, legen uns mit ihm auf die Wiese oder schauen zusammen in die Zeitung."

Ungewöhnlich auch, dass es keine festen Zeiten gibt - weder für Pflegetätigkeiten noch für Mahlzeiten oder Aktivitäten. "Entweder es schlafen alle bis elf oder um sieben laufen schon die ersten rum - wir wissen nie, was der Tag bringt", sagt Löbel mit einem Schmunzeln. Kein Tag sei wie der andere, begeistert sich der gelernte Altenpfleger für seinen Arbeitsplatz. Auf einer anderen Station zu arbeiten - das kann er sich nicht mehr vorstellen.

Singkreis, Stuhlgymnastik, Gedächtnistraining: Solche Angebote gibt es hier nicht. Die Bewohner werden subtiler und individueller animiert. Mitarbeiter von Pflege und Küche setzen sich beispielsweise zwischendurch unauffällig in die Nähe von Bewohnern, schauen sich einen Gegenstand intensiv an, fangen an zu singen oder lesen laut aus der Zeitung vor. "Und dann schauen wir, was passiert..."

Das "Therapeutische Gammeln" wurde vom Pflegeexperten Stephan Kostrzewa entwickelt. Es möchte Demenzerkrankten einen geschützten Rahmen bieten, der von ihnen nichts erwartet, sie aber in ihrer Eigeninitiative unterstützt. Anders als in vielen anderen Senioreneinrichtungen würden die Bewohner der Gammel-Oase nicht ständig vom Personal "aktiviert, mobilisiert und motiviert", erläutert Löbel. Solche Bevormundung rufe bei den Erkrankten oftmals Frustration hervor. Vielmehr sollte die Motivation für eine Aktivität von den Betroffenen selbst ausgehen.

Deshalb sind auch in Marl überall auf der Station - auf Tischen, Fensterbänken, Handläufen - Materialien platziert, die zum Anfassen, Festhalten und Mitnehmen einladen: Tücher, ein Sonnenhut, ein Teddybär und vieles mehr. "Es wird alles so genutzt, wie der Bewohner es gerne hat." Auch das Plüschfaultier, das Maskottchen der Station, wird schon mal mit dem Rollator spazieren gefahren.

Ob Aufsteh- oder Frühstückszeit, Aktivität oder Garderobe - die Demenzerkrankten dürften alles selbst entscheiden, statt wie sonst meist bevormundet und korrigiert zu werden, erklärt Löbel. "Die Kleidungsstücke passen nicht zusammen, aber ich habe mich allein angezogen", heißt es beispielsweise in der "Haus(un)ordnung" der Station. Sie verweist auf das Selbstbestimmungsrecht der Bewohner und möchte deren Selbstständigkeit unterstützen. Es werde auch niemand gezwungen, mit Messer und Gabel zu essen. "Vielleicht ist das Gemansche beim Mittagessen für den Bewohner ein Kunstwerk", gibt der gelernte Altenpfleger zu bedenken.

Das Julie-Kolb-Seniorenzentrum ist laut Löbel bundesweit die erste Einrichtung, die das Konzept in die Praxis umgesetzt hat. Im Mai 2023 seien die ersten zwei Bewohner in die "Gammel-Oase" eingezogen, inzwischen lebten dort 14 Menschen - aus gutem Grund jeweils zu zweit in einem Zimmer: "Menschen mit Demenz geben sich gegenseitig Halt, so dass sie sich weniger alleine fühlen", sagt Löbel. Zehn Mitarbeiter - fünf Pflegefachkräfte, drei Betreuungsassistenten und zwei Küchenkräfte - kümmern sich um das Wohlergehen der Senioren.

Bevorzugt würden Menschen aufgenommen, die noch mobil seien, nur eingeschränkt sprachfähig und die in anderen Einrichtungen aufgrund von sogenanntem herausfordernden Verhalten als "nicht tragbar" galten. Löbel und sein Team haben festgestellt: Wenn die Mitarbeitenden eine persönliche Beziehung zu den Bewohnern aufbauten, auf individuelle Bedürfnisse achteten und sie ernst nähmen, zeigten diese viele irritierende Verhaltensweisen erst gar nicht. Statt oft wesensverändernden Psychopharmaka erhielten die Demenzerkrankten zudem mehr Schmerzmittel. Schmerzen seien oft ein Grund für befremdliches Verhalten, weiß Löbel. Nun seien die Bewohner viel entspannter und ausgeglichener.

Trotzdem: Für das Personal ist der unkonventionelle Pflegeansatz in der Gammel-Oase durchaus eine Herausforderung, weiß Löbel. Einige examinierte Pflegekräfte hätten gekündigt, weil sie bei ihrer Arbeit feste Strukturen brauchten. Für Löbel kommt es auf die passende innere Haltung an: Er müsse gezielt Personal für seine Station suchen, so der Wohnbereichsleiter. "Die ersten Pflegehelfer waren ehemalige pflegende Angehörige von Demenzkranken", erinnert er sich. Diese hätten - anders als ausgebildetes Pflegepersonal - "keine Strukturen im Kopf gehabt", was ihnen den Umgang mit den Bewohnern erleichtert habe.

Dass bislang nur in Marl therapeutisch gegammelt wird, kann sich Löbel nicht so recht erklären. Zwar gebe es viele interessierte Mitarbeitende von anderen Einrichtungen, "aber sie kommen nicht übers Anschauen hinaus". Dabei stehe er mit seinem Team gerne beratend zur Seite, und er habe sogar ein Praxisbuch zu dem Thema mitverfasst.

Löbel vermutet, dass Pflegebedienstete in Leitungsfunktionen die vermeintliche Unordnung und fehlende Planbarkeit nicht aushielten. Und stellt klar: "Wir akzeptieren Unordnung, aber keinen Schmutz". Pflege werde den Bewohnern nur angeboten, aber es gebe natürlich Grenzen: "Wenn jemand eingenässt, eingestuhlt ist oder eine offene Wunde hat - da greifen wir ein; das medizinisch Notwendige muss eingehalten werden."

Für Löbel ist seine Arbeit in der "Gammel-Oase" ein Traumjob. "Ich kann mich hier total ausleben, und den Bewohnern geht es so gut hier", schwärmt der hochgewachsene Mann. "Es macht mir total viel Spaß, macht Sinn, und wir sehen die Erfolge." Auch aus diesem Grund soll im kommenden Jahr im Julie-Kolb-Seniorenzentrum eine zusätzliche Station entstehen, auf der weitere 17 Bewohner therapeutisch gammeln dürfen.

👋 Unser Social Media