Wohl zu der halben Nacht

Bibel
Wohl zu der halben Nacht

Weihnacht – die Nacht, in der Jesus geboren wird. Nicht von ungefähr kommt Gott in der tiefsten Dunkelheit zur Welt. Die Nacht ist in unserer Vorstellung ein Bild für Schuld, Trauer, Einsamkeit und Tod. Ein Blick in die Bibel zeigt: Die Erfahrungen und Deutungen der Nacht sind höchst ambivalent.
Die Finsternis, das lehren die ersten Verse der Bibel, ist älter als das Licht. „Es werde Licht“, spricht Gott als ersten Satz in der Schöpfung (1. Mose 1,3) und begrenzt mit diesem Schöpferwort die Finsternis. Danach benennt Gott die Finsternis als Nacht und setzt sie sprachlich in Gegensatz zum Licht beziehungsweise zum Tag: Er „nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht“. Tag und Nacht, Licht und Finsternis stehen unter dem Urteil, das Gott über seine Schöpfung gefällt hat: „Gott sah an, alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“

Tag und Nacht – beide nennt Gott „sehr gut“

Nach der Vertreibung aus dem Paradies, nach der Rettung der Menschheit aus der Sintflut verheißt Gott: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (1. Mose 8,22). Weder im Raum des Paradieses noch in dem der gefallenen Schöpfung wird also die Finsternis als unbegrenzte Macht gedacht. Dies gilt trotz aller Gefahren, die nach biblischem Zeugnis die Nacht als Zeit des menschlichen Versagens birgt. Es gilt auch trotz der Gewalt und Grausamkeit, zu der Männer in der Nacht fähig sind (etwa die grauenvolle Erzählung in Richter 19).
Es gilt trotz aller todbringender strafender Begegnungen mit Gott in der Nacht (2. Mose 12,29-30) und aller Schmerzen, aller Angst, aller Einsamkeit und Unruhe, die vor allem die Psalmbeter und Hiob in Worte fassen. Und das gilt auch und vor allem angesichts des Todes, des dem Raum der Nacht zugeordneten Bruder des Schlafes. Mag der Tod kommen, in Form „der Pest, die im Finstern schleicht“ oder in der Form, dass des Nachts meine Seele von mir gefordert wird (Lukas 12,20).

Keine Finsternis ist ohne Gott

Trotz dieser negativen Erfahrungen und Konnotationen der Finsternis und der Nacht hält die biblische Überlieferung daran fest, dass es keinen Raum gibt, der Gott entzogen sei: „Dein ist der Tag und dein ist die Nacht“, betet der Psalmist. Und: „Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein – so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.“ (Psalm 139,12)
Dass die Nacht nicht gottlos ist, sondern dass die Finsternis vielmehr auch ein Bereich Gottes, ja ein Wohnort des göttlichen Geheimnisses ist, das wird in der Bibel vielfach bezeugt. Der weise König Salomo formuliert: „Die Sonne hat der Herr an den Himmel gestellt; er hat aber gesagt, er wolle im Dunkel wohnen.“ Dazu passt, dass die Nacht auch als die Zeit der Gottessuche und des Gebets verstanden wird: „Des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens“ (Psalm 42,9); „Ich wache auf, wenn’s noch Nacht ist, nachzusinnen über dein Wort“. (Psalm 119, 148).

Die Nacht als Zeit der Gottessuche

Vielfach werden in der Bibel nächtliche Gottesbegegnungen und Gotteserfahrungen bezeugt: In Träumen und Nachtgesichten erscheint Gott Jakob und Salomo; auch den nichtjüdischen König Abimelech warnt Gott im Traum und Paulus erfährt vielfach Gottes Ermutigung und Wegweisung in Nachtgesichten. Auch für Jesus, so berichten die Evangelien, war die Nacht der Raum für das persönliche Gebet (Lukas 6,12).
Sowohl im Alten wie im Neuen Testament ist die Nacht auch die Zeit der segensreichen Gottesoffenbarungen: In der Nacht verheißt Gott Abraham so viele Nachkommen als Sterne am Himmel zu sehen sind; er sagt Isaak seinen Segen und die Mehrung seiner Nachkommen zu; er verheißt durch den Propheten Nathan David und seinen Nachkommen das Königtum über Israel; er offenbart den Hirten die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem und erweist seine Macht in der Auferweckung Jesu Christi vom Tode.

Nächtliche Liturgie bei Juden und Christen

Dass sich diese nächtlichen Gotteserfahrungen auch schon in nächtlichen Gottesdiensten im jüdischen Tempel niedergeschlagen haben, bezeugt Psalm 134, der möglicherweise eine kleine Liturgie widerspiegelt: „Wohlan, lobt den Herrn, alle Knechte des Herrn, die ihr steht des Nachts im Hause des Herrn!“ Und dass die grundlegende Tat Gottes an Israel, die Errettung aus der ägyptischen Sklaverei, in der Nacht erfolgte, findet in der nächtlichen Passahliturgie ihren Niederschlag, über die es in 2. Mose 12,42 heißt: „Eine Nacht des Wachens war dies für den Herrn, um sie aus Ägyptenland zu führen; darum sollen die Israeliten diese Nacht dem Herrn zu Ehren wachen, sie und ihre Nachkommen.“

Am Ende der Zeit schwindet die Nacht

Für Christen sind die zwei wichtigsten nächtlichen Gottesdienste die Osternacht, in Erinnerung an die Auferstehung Jesu Christi, und natürlich das Weihnachtsfest. Dass Jesus in der Heiligen Nacht geboren ist, Christus in der Nacht des Ostersonntags auferstand, findet seine Fortsetzung darin, dass das Gericht an manchen Stellen als ein nächtliches Ereignis beschrieben wird: „Ich sage euch: In jener Nacht werden zwei auf einem Bett liegen; der eine wird angenommen, der andere wird preisgegeben“ (Lukas 17,34). Erst nach Christi Wiederkunft, so erzählt es die Offenbarung, verschwinden Tag und Nacht, ja verschwindet die Dunkelheit und Finsternis für ewig: „Und es wird keine Nacht mehr sein; denn Gott der Herr wird sie erleuchten.“
Bis die Nacht endgültig besiegt sein wird, feiert die Christenheit Weihnachten und singt dabei mit den Worten Martin Luthers: „Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein’ neuen Schein; es leucht’ wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht.“

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