Um Radikalisierung und Gewalttaten von Jugendlichen zu verhindern, muss die gesamte Gesellschaft nach Ansicht der Kultursoziologin Anja Frank stärker zusammenarbeiten. „Das ist eine gesellschaftliche Verantwortung von allen“, sagte die wissenschaftliche Mitarbeiterin vom Deutschen Jugendinstitut in Halle an der Saale am Dienstag dem Radiosender WDR 5 mit Blick auf den Fall einer 13-Jährigen, die am Wochenende in einer Paderborner Klinik eine Betreuerin mit einem Messer angegriffen haben soll.
Die Polizei machte noch keine Angaben dazu, ob der Tat in Paderborn eine politische Motivation zugrunde lag. Medienberichten zufolge war sie in den zurückliegenden Monaten von den Behörden als islamistische Gefährderin betrachtet worden. Das Mädchen ist nach WDR-Informationen deutsch und nicht in einer muslimischen Familie aufgewachsen. Im Internet habe sie sich selbst radikalisiert.
„Man kann natürlich nicht in die Dreizehnjährige hineingucken“, sagte die Kultursoziologin. „Aber was man sagen kann, ist, dass Jugendliche, die so massive Probleme machen, auch massive Probleme haben.“ Sie vermute eine Mischung aus einem psychopathologischen Problem, weswegen sie wahrscheinlich in der Psychiatrie gewesen sei, und einer Radikalisierungsgeschichte.
Das Problem bei Radikalisierung sei, „dass die Jugendlichen auf eine Art entkoppelt sind“, betonte Frank. „Es kann also nur darum gehen, dass sie wieder ankoppeln an Leute aus dem Umfeld.“ Das könnten etwa ein Sozialarbeiter, eine Lehrerin, neue Freunde oder ein Verein sei. Wichtig sei es, wieder gute Bezüge und Beziehungen zu schaffen und auch die Probleme zu lösen, die der Jugendliche habe. Dabei müssten Eltern, Beratungsstellen, Jugendamt, Freunde, die Schule und das weitere Umfeld der oder des Betroffenen eng zusammenarbeiten, sagte die Wissenschaftlerin, die eine Dissertation über bürgerschaftliches Engagement geschrieben hat.
Im Jugendalter stünden Menschen vor der Aufgabe, sich selbst zu finden, sich abzugrenzen und gleichzeitig einen Platz in der Gesellschaft zu finden, erklärte Frank. Angebote von extremistischen Netzwerken würden hier ansetzen. Sie seien gezielt jugendsprachlich aufbereitet, würden teils ein Abgrenzen von der Familie fördern und hätten oft einen starken Sinn für die Biografien der Jugendlichen. Zusammen mit einer Art Mediensucht der jungen Menschen könne das einen starken Sog entwickeln, vor allem wenn Kontakte in der Realität fehlten, sagte die Wissenschaftlerin, die im Bereich der Jugendhilfe und Extremismusprävention arbeitet. Die Zahl von radikalisierten Jugendlichen unter 14 Jahren habe in letzter Zeit zugenommen.