Ohne Kalb keine Milch: Doch in konventionellen Betrieben wird es so früh wie möglich von seiner Mutter getrennt, damit möglichst viel Milch beim Kunden ankommt. Das geht auch anders, wie einige Biobetriebe zeigen.
Auch in Zeiten von veganen Milchalternativen hat das "Original" noch ein gutes Image: ein natürliches Lebensmittel, reich an Kalzium, Vitamin A und D. In der Werbung trinken wahlweise glückliche Kinder ein Glas Milch - oder eine mindestens genauso zufriedene Kuh grast erlesene Kräuter auf einer Alpenwiese.
Doch die Idylle trügt. Viele Kühe leiden zumindest immer wieder zeitweise darunter, dass ihnen zugunsten der maximalen Milchproduktion ihre Kälber weggenommen werden. Wer jemals die Schreie eines Kalbs gehört hat, das wenige Tage nach der Geburt von seiner Mutter getrennt und in einen kleinen Einzelstall gesperrt wurde, den lässt dieses Geräusch nicht mehr los.
So haben es scheinbar auch zunehmend Milchwirte selbst empfunden: Einige Biobetriebe haben ihren Ablauf so umgestellt, dass die Kälbchen länger bei den Kühen bleiben können. Manchmal zumindest einige Wochen, oft sogar monatelang. "Die kuhgebundene Aufzuchtform hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen", sagt Kerstin Barth. Die Wissenschaftlerin arbeitet am Thünen-Institut für Ökologischen Landbau im schleswig-holsteinischen Westerau, einer Einrichtung des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Barth forscht dort zur tiergerechten Weiterentwicklung der ökologischen Milchviehhaltung.
Dass Kälber auf vielen Höfen so kurz nach der Geburt von den Kühen getrennt werden, hat ihr zufolge im Wesentlichen zwei Gründe: Zum einen soll das Kalb vor Krankheitserregern geschützt werden, die von der Mutter übertragen werden könnten. Außerdem vertieft sich die Mutter-Kind-Beziehung, je länger Kuh und Kalb zusammenbleiben. Die frühere Trennung verhindert allerdings auch, dass die Kuh mütterliche Verhaltensweisen übt und das Kalb positive Zuwendungen wie das Ablecken erfahren kann.
In Biobetrieben bekommen die Kälber keine Ersatzprodukte, sondern immer Vollmilch. Trotzdem ist es auch dort verbreitet, sie früh von ihren Müttern zu trennen. Jedoch: "Wir sehen ein wachsendes Bewusstsein in der Gesellschaft, was den Umgang mit Nutztieren angeht", erklärt Barth. "Es sind vor allem Biobetriebe, die eine kuhgebundene Aufzucht praktizieren. Ein wichtiger Grund, da einzusteigen, ist für die Landwirte ein verbessertes Tierwohl."
Ein Kalb aufzuziehen, sei eine komplizierte Angelegenheit. Wenn Bauern die Tiere mit sogenannten Milchaustauschern großziehen, müssen strenge Regeln etwa bei der Temperatur der Milch eingehalten werden, da die Kälber noch sehr krankheitsanfällig sind.
"Wenn das Kalb die Milch auf natürliche Weise bei der Kuh trinkt, hat sie immer die richtige Temperatur und Zusammensetzung", sagt Kathrin Goebel. Seit 2006 leitet die Landwirtin und Tierärztin mit ihrem Mann Thomas und ihrer Kollegin Silke Kunkel das Hofgut Oberfeld in Darmstadt, eine Landwirtschafts-AG mit Bürgerbeteiligung. Der rein ökologisch-dynamische Betrieb bewirtschaftet 130 Hektar Ackerland, Obstbau und Saisongärten. Geflügel lebt dort, und in dem 2012 errichteten Kuhstall stehen 45 Rinder. Auch eine Molkerei und Käserei gehören dazu.
"Wir ziehen hier alle Kälber groß", sagt Goebel und meint damit jene neun Monate, bis die ersten Jungtiere grade noch Kalbfleisch sind und geschlachtet werden. Das ist aber nur ein kleiner Teil. Die meisten Rinder bleiben länger, nämlich dann, wenn sie selbst Mutter und damit von der Färse zur Kuh geworden sind. Männliche Tiere natürlich ebenfalls.
Was läuft nun anders in Betrieben, die Kuh und Kalb nicht nach wenigen Stunden oder Tagen trennen? "Es gibt zum einen die muttergebundene Aufzucht, das heißt, die Kuh zieht ihr eigenes Kalb selbst auf. Zum anderen gibt es die ammengebundene Aufzucht. Hier werden auch Mischformen praktiziert, aber im Grunde zieht dabei eine Kuh mehrere Kälber auf", sagt Kerstin Barth. Bei jeder dieser Formen können die Kälber meist mindestens drei bis vier Monate bei der Kuh trinken.
Um die Tiere so zu halten, haben Kathrin Goebel und ihr Team den Kuhstall entsprechend geplant: mit einem großen Bereich für junge Kälber mit ihren Müttern und darin einem sogenannten Kälberschlupf, in dem sich die Kleinen anfangs noch oft zurückziehen. In den ersten Tagen bleiben Kuh und Kalb eng zusammen, leben später mit anderen Kühen und deren Kälbern in einer Gruppe. Die Kühe werden zwar gemolken, für das Kalb bleibt aber immer genug Milch übrig. "Auf diese Weise entwickeln sich die Tiere besser und gesünder, wachsen schrittweise in die Herde hinein und können sich am Verhalten der erwachsenen Kühe orientieren", heißt es auf der Homepage des Hofguts.
Das alles gibt es nicht zum Nulltarif und setzt Verbraucher voraus, die sich teurere Milch leisten können und wollen. Zum Vergleich: Ein Liter Milch kostet im Discounter aktuell 95 bis 99 Cent, ein Liter Biomilch maximal 1,25 Euro, ein Liter Milch im Hofladen des Hofguts Oberfeld rund zwei Euro. Da sind der großzügige Stall, reine Heufütterung und Weidegang eingepreist.
Kathrin Goebel weiß, dass dies Kunden in Zeiten von Inflation und Wirtschaftskrisen herausfordert. "Abschreckend", sei es für viele Landwirte sicherlich, "dass die Kälber in der kuhgebundenen Aufzucht mehr trinken und man diese Milch nicht selbst vermarkten kann." Inzwischen hält sie Seminare für Kollegen, die auch mit dem Gedanken spielen, ihre Ställe umzurüsten. "Unser wichtigstes Argument ist, dass diese Haltung so unkompliziert ist, denn die Mutter kümmert sich wirklich gut um ihr Kalb", sagt die Landwirtin. "Ich versuche, den Kollegen Mut zu machen, dass uns das ja Arbeit abnimmt."
Wie stark das technische Denken auch auf Bauernhöfen Einzug gehalten hat, merkt sie, wenn sie andere bei der Umstellung begleitet. "Da ist dann oft eine große Unsicherheit im Spiel. Die fragen sich, wie sie sehen, dass die Kälber auch genug getrunken haben", sagt Goebel schmunzelnd. Dabei sei klar: "Das Kalb kommt leer und dünn aus der Kuh, wenn es geboren wird. Und wenn es getrunken hat, ist sein Bauch ordentlich gerundet."
Viele konventionelle Landwirtinnen und Landwirte vertrauten nicht mehr auf Beobachtung, sondern wollten sich daran halten, wie viel Milch ein Kalb laut wissenschaftlichen Daten trinken müsse. Diese hätten aber oft nicht viel mit dem Rhythmus der Tiere zu tun. "Wenn man die neuen Arbeitsabläufe für sich gefunden hat, ist die kuhgebundene Aufzucht viel einfacher", so die Milchwirtin. Sie würde sich immer wieder dafür entscheiden, denn sie sehe den Unterschied in der Zufriedenheit der Tiere: "Das ist eine ganz andere Freude bei der Arbeit."