Wer in den Sozialen Medien aktiv ist, kommt an Spendenaufrufen nicht mehr vorbei. Ob in der Adventszeit, nach Naturkatastrophen oder persönlichen Schicksalsschlägen, für die dringend Geld benötigt wird - immer mehr Nutzerinnen und Nutzer rufen ihre Community zum Spenden auf. Sie sammeln Geld für Organisationen, private Anliegen wie die Finanzierung einer kostspieligen Operation für Familienangehörige oder für konkrete Hilfsprojekte. Doch ist das überhaupt zielbringend?
Marius Ehrlinspiel aus Berlin hat Anfang Dezember einen privaten Spendenaufruf auf der Plattform Betterplace.org angelegt. Das Ziel: 10.500 Euro. Diese Summe benötige sein nigerianischer Freund Viktor, um in Deutschland ein Studium aufnehmen zu können und damit einen Asylprozess zu umgehen: "Wir müssen nachweisen, dass Viktor für das Studium nicht auf Hilfen angewiesen ist", erklärt Ehrlinspiel.
Auch das Deutsche Rote Kreuz setzt auf Sammelaktionen in den Sozialen Medien
Den Link zur Aktionsseite hat Ehrlinspiel gemeinsam mit Freunden auf Instagram und Facebook geteilt. Rund 3.500 Euro sind bislang auf dem Spendenkonto eingegangen, das auf der Aktionsseite einzusehen ist. Nach Ablauf der Sammlung in ein paar Tagen wird das Geld an Viktor überwiesen. Den Rest des Studiums will er mit privaten Darlehen seines Umfelds finanzieren. Für die gesammelten 3.500 Euro ist er dankbar, sagt aber auch: "Ich hätte mir die Sache etwas einfacher vorgestellt. Leute heute zum Spenden zu motivieren, ist nicht leicht." Auch Vereine wie das Deutsche Rote Kreuz setzen auf Sammelaktionen in den Sozialen Medien. Seit 2018 bietet das DRK personalisierte Spendensammlungen bei Facebook und seit 2021 bei Instagram an. Personalisiert bedeutet, dass private Nutzerinnen und Nutzer eine Spendenaktion für den Verein anlegen und im virtuellen Freundeskreis teilen können. Sie legen sowohl den Namen der Aktion - zum Beispiel "Adventssammlung" - als auch die Höhe des Spendenziels selbst fest. Die Spender zahlen dann via Kredit- oder Debitkarte über ihren Account an den Verein. "Das Angebot kommt bei den Userinnen und Usern immer mehr an. Insbesondere seit 2020 können wir eine Zunahme der Spenden über Social Media beobachten", sagt Kommunikationsleiterin Rebecca Winkels. Besonders, wenn das DRK akute Nothilfe leiste, beispielsweise nach einem Extremwetterereignis, würden zahlreiche Spenden auf diesem Weg eingehen.Auch zu bestimmten Anlässen wie Geburtstagen legten Privatpersonen und Influencer eigene Aktionen an, sagt Winkels. Prozentual gesehen sei der Anteil an Social-Media-Spenden jedoch gering - noch jedenfalls. "Die meisten Spenden erhalten wir nach wie vor durch Überweisungen und über unser Spendenformular auf der Homepage." 2023 wird der Anteil der Social-Media-Spenden laut Angaben des DRK voraussichtlich rund ein Prozent der gesamten Spenden betragen.Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
Malteser: Gerade jüngere Spenderinnen und Spender wählen Online-Kanäle
Ähnlich gestaltet sich die Lage bei den Maltesern Deutschland, die ebenfalls ein Social Media-Spendenaktions-Tool anbietet. "Generell verzeichnen wir im gesamten Bereich des Online-Fundraisings ein stetiges Wachstum. Gerade jüngere Spenderinnen und Spender wählen bevorzugt Online-Kanäle, um ihre Spende zu tätigen", sagt Katharina Nagel, Abteilungsleiterin Fundraising. Rund sechs Prozent habe das Online-Fundraising gegenüber sonstigen Spenden im Vorjahr ausgemacht. Das entspricht in etwa dem Deutschlandtrend. Laut Spendenmonitor von 2022 lag der Anteil von klassischen Banküberweisungen der Spenderinnen und Spender im Jahr 2022 bei rund 53 Prozent, bei Social Media hingegen nur bei rund fünf Prozent. Zahlen für das laufende Jahr erscheinen Anfang 2024.Experte: Vorsicht beim Geldtransfer
Burkhard Wilke, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI), sieht in den Sozialen Medien dennoch eine Chance, wieder mehr Menschen zum Spenden zu motivieren. Sowohl das Spendenvolumen in Deutschland als auch die Spenderquote, also die Anzahl der Spenderinnen und Spender, ist laut Spendenmonitor rückläufig. "Es gibt viele Gründe dafür. Einer ist zum Beispiel, dass die Religiosität und damit die Kirchenbindung stark abgenommen hat", so Wilke. Neue Formen der Kommunikation könnten diesem Rückgang teils entgegenwirken. Social Media sei ein Mosaikstein unter vielen anderen, sagt der Experte. "Verfügen die Organisationen über entsprechende Peergroups, kann es dennoch durchaus sinnvoll sein, hier zusätzlich auf sich aufmerksam zu machen."Social-Media-Spendern rät er jedoch zu besonderer Vorsicht beim Geldtransfer. Das betreffe primär private Spendenaufrufe, die oft sehr emotional gestaltet sind. Hier gelte es, genau zu prüfen, welche Organisation dahintersteht und ob sie vertrauenswürdig ist. Wilke: "Man sollte auf keinen Fall blind auf irgendein Konto Geld überweisen."Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
