Verzicht ist immer freiwillig und macht außerdem frei. Das sagt Ruben Zimmermann, Professor für Neues Testament und Ethik an der Universität Mainz. Um mit dem Missverständnis aufzuräumen, dass Verzicht etwas Schlechtes ist, hat er sogar ein Buch geschrieben.
Verzicht ist für viele negativ konnotiert. Warum sollte man das machen?
Ruben Zimmermann: Es stimmt, dass Verzicht derzeit keinen guten Ruf hat, ja regelrecht als moralische Keule oder politischer Kampfbegriff verwendet wird. Um diesem Missverständnis entgegenzutreten, habe ich mein Buch geschrieben. Denn Verzicht war lange in der Geschichte positiv besetzt und hat viel mit Freiwilligkeit, Freiheit und Flexibilität zu tun.
Gibt es also einen Unterschied zwischen freiwilligem Verzicht und dem auferlegten?
Genau das ist eines der Missverständnisse. Verzicht ist immer freiwillig. Wenn er von anderen gefordert oder auferlegt wird, dann ist es kein Verzicht mehr, sondern ein Verbot. Diese Unterscheidung ist zentral. Das heißt nicht, dass Verzicht immer Spaß machen muss, im Gegenteil. Es kostet oft genug auch Mühe. Wenn jemand für eine Reise auf das Auto verzichtet und dann etwa mit der Bahn steckenbleibt.
Verzicht verlangt Anstrengung
Aber selbst im Normalfall verlangt Verzicht oft genug auch Anstrengung: Etwa, wenn Sportlerinnen und Sportler in Vorbereitung auf einen Wettkampf einem strengen Trainingsplan folgen, wenn eine werdende Mutter in der Schwangerschaft keinen Alkohol mehr trinkt, oder wenn sich jemand in der Fastenzeit entschließt, vegan zu essen, obwohl ihm oder ihr Milchprodukte sehr gut schmecken. Und dennoch entscheiden diese Menschen je für sich, dass sie verzichten wollen, um ein Ziel oder ein höheres Gut zu erreichen.
Verzicht ist mühsam, kann aber doch gut sein? Das müssen Sie nochmal genauer erklären.
Beim Verzichten nimmt eine Person eine Handlungsmöglichkeit freiwillig nicht in Anspruch, weil sie überzeugt ist, dass der Verzicht etwas Größerem dient. Das heißt also, man muss überhaupt die Wahlmöglichkeit haben, etwas zu tun oder nicht. Ich spreche deshalb auch von einer Ethik für die Habenden und Privilegierten, plakativ: Eine Ethik für die, die genug und oft sogar mehr als genug haben. Verzicht muss dabei nicht radikal geleistet werden, sondern kann auch von Zeit zu Zeit vollzogen werden. Denn das, worauf verzichtet wird, muss nicht grundsätzlich schlecht sein. Das unterscheidet den Verzicht von bestimmten Formen der Askese.
Verzicht: Was "Flexitarier" richtig machen
Um es etwas konkreter zu machen: Im Buch beschreibe ich zum Beispiel „Flexitarier“ als eine Form des Verzichtens jenseits¬ des Prinzipiellen. Das sind Menschen, die meist auf Fleisch und Milchprodukte verzichten wollen, aber durchaus auch Ausnahmen machen, zum Beispiel bei Festen oder Einladungen. Oder ich beschreibe Sharing-Communities als gelungenes Beispiel von Verzicht. Wer am Car-Sharing teilnimmt, der verzichtet auf ein eigenes Auto, aber nicht grundsätzlich aufs Autofahren. Ebenso gibt es kreative Modelle in der Bekleidungsbranche, zum Beispiel ein „Fashion Shop“, bei dem man sich für einen bestimmten Betrag drei Kleidungsstücke pro Monat ausleihen kann. Wer auf Kleiderkauf verzichtet, muss deshalb also nicht auch auf Mode und Abwechslung verzichten.

Was macht Verzicht mit uns? Was passiert dabei?
Knapp gesagt: Verzicht macht frei. Erst denkt man ja, wenn ich dies oder das jetzt nicht habe oder konsumieren kann, dann bin ich schlecht gelaunt oder das Leben macht keinen Spaß mehr. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Wenn man mal die erste Hürde des inneren Protests, manche sprechen hier auch vom „Schmerzmoment“, überwunden hat, dann passiert meist etwas Faszinierendes. Der oder die Verzichtende merkt auf einmal: Ich kann auch ohne .., ich brauche das gar nicht …, es ist sogar viel angenehmer …. Aus der Angst, etwas zu verpassen (in der Psychologie „Fear Of Missing Out“ FOMO) wird dann auf einmal die Freude, lassen zu können (YOMO – „ Joy Of Missing Out“).
Der oder die Verzichtende erlebt eine Form von Souveränität und Freiheit, weil etwas, das eigentlich ginge, freiwillig nicht gemacht wird. Und das kann auf ganz unterschiedlichen Ebenen sein: der Verzicht auf Widerrede im Streit (schafft innere Freiheit und dient dem Frieden), der Verzicht auf Aufstieg im Beruf (schafft mehr Zeit für sich und die Familie), der Verzicht auf die anstrengende Flugreise lässt Urlaubsziele in der Nähe neu entdecken.
Sind Verzichten und Feiern dann doch zwei Seiten einer Medaille und gehören zusammen?
Ja, unbedingt gehören sie zusammen. Ich würde sagen, durch den Verzicht erhalten wir uns die Freude am Feiern. Passend zur Fastenzeit möchte ich das am Essen aufzeigen: Wenn ich immer alle Köstlichkeiten zur Verfügung habe, dann verlieren sie mit der Zeit ihre Bedeutung; oder beim unbegrenzten Buffet wird einem irgendwann schlecht. Aber wie lecker ist ein bloßer Apfel, wenn man ein paar Tage gefastet hat. Und das gilt für die meisten Genüsse. Durch einen zeitlich befristeten Verzicht erhalte ich mir die Freude am Genuss. Oder zugespitzt formuliert: Durch den Verzicht kann ich umso intensiver feiern.
Ruben Zimmermann: Warum weniger gut sein kann. Eine Ethik des Verzichts.
Reclam 2025, 3. Auflage
120 Seiten, 7 Euro

