Es sind die vertrauten Worte und doch klingen sie fremd. Ein starker amerikanischer Akzent ist zu hören, als der Pastor Teile der Liturgie auf Deutsch vorträgt. In der Zion German Evangelical Lutheran Church im New Yorker Stadtteil Brooklyn Heights findet gerade Gottesdienst statt. Zweisprachig. Deutsch und Englisch. Das ist ganz üblich in der Gemeinde, die 1855 von deutschen Einwanderern gegründet wurde.
Pastor Jonathan Sachs ist seit etwas mehr als einem Jahr in der Gemeinde. Deutsch spricht er nicht. „Das war lange Zeit ein Kriterium für den Pastor hier“, erklärt Sachs. Doch es war zu schwierig geworden, einen Pastor für die Gemeinde zu finden. Als Sachs seine Stelle antrat, finanzierte ihm die Gemeinde einen Deutschkurs. Wenn er aus der Bibel vorliest, klingt es flüssig. Aber ohne Vorlage gelingt es ihm nicht.
New York: Gottesdienste in unzähligen Sprachen
Ganz anders sieht es bei Kirchenvorstand Fred Hansen aus, der im Gottesdienst neben ihm sitzt. Er spricht nicht nur fließend Deutsch, sondern auch Plattdeutsch. Hansen ist eine der treibenden Kräfte in der Pflege des Deutschen Erbes hier. Der Sohn deutscher Auswanderer, der in New York zur Welt kam, betont nicht nur, wie wichtig es ist, diese Traditionen zu erhalten. Er lebt sie.

Hunderte von Sprachen werden in New York City gesprochen und auch Gottesdienste werden in unzähligen Sprachen gefeiert. Eine genaue Übersicht gibt es nicht, aber viele kleine ethnische Gemeinden haben Gottesdienste in ihrer jeweiligen eigenen Sprache, große Gemeinden bieten oft Gottesdienste in mehreren Sprachen an. Die eigene Sprache ist auch in der Ferne Heimat: Sie schafft Vertrautheit und stiftet Gemeinschaft.
Luthers Übersetzung mach Bibel verständlich
In Deutschland war die Bibelübersetzung in die eigene Sprache ein entscheidender Moment in der Geschichte des Glaubens. Martin Luther übersetzte die Bibel im 16. Jahrhundert ins Deutsche und ermöglichte so vielen Menschen erstmals, das Wort Gottes in ihrer eigenen Sprache zu lesen und zu verstehen. Die Mehrheit der Menschen beherrschte kein Latein, eine emotionale Anbindung fehlte für viele. Luthers Übersetzung machte deutlich: Glaube braucht Verständlichkeit und Nähe.
Was für Christinnen und Christen in Deutschland heute eine Selbstverständlichkeit ist, nämlich einen Gottesdienst auf Deutsch zu hören, in ihrer Muttersprache, gilt längst nicht für alle Menschen auf der Welt. Nach wie vor gibt es zahlreiche Sprachen, in denen es keine Bibelübersetzungen und keine Gesangbücher gibt. Den Gottesdienst erleben die Menschen dort immer in einer fremden Sprache.
"Warum spricht Gott nicht in unserer Sprache?"
Dass es einen großen Unterschied macht, erlebte William Cameron Townsend, ein Missionar, der in den 1930er Jahren in Guatemala spanische Bibeln verteilte. Schnell bemerkte er, dass er damit nicht weit kam. Es gibt zahlreiche indigene Sprachen in dem Land und die Einheimischen fragten ihn: „Wenn dein Gott so groß ist, warum spricht er dann nicht unsere Sprache?“ Das brachte Townsend auf die Idee, die Bibel für die Einheimischen zu übersetzen. Er gründete die Organisation „Wycliff“, die sich bis heute vor allem der Bibelübersetzung für Sprachminderheiten widmen. In Deutschland wurde die gemeinnützige, international tätige christliche Einrichtung 1962 gegründet.
Den Glauben in der eigenen Sprache, in der Regionalsprache, im eigenen Dialekt leben zu können, Gottesdienste zu feiern, in der eigenen Sprache beten zu können – das ist für die Menschen eine großer Bereicherung, es schafft Nähe.
Sprache berührt Fragen von Identität und Kultur
Die Frage nach der Sprache im Gottesdienst ist also weit mehr als nur eine organisatorische Frage. Sie berührt Identität, Kultur, Theologie und Gemeinschaft. Zwei unterschiedliche Tendenzen sind dabei zu erkennen. Auf der einen Seite steht das Bestreben, eine gemeinsame Sprache für alle zu finden, als Zeichen der Einheit und Verständigung, ein universales Instrument. Auf der anderen Seite wächst das Engagement, kleine und bedrohte Sprachen zu bewahren und Gottesdienste auch bewusst in dieser Sprache zu feiern. Es geht also um die Frage: Eine Sprache für alle oder eine Sprache für jeden
Wird ein Gottesdienst bewusst in einer kleinen, regionalen Sprache gefeiert, wird er auch zum Träger von Geschichte, Erinnerung und Identität. Solche Gottesdienste sind daher mehr als Nostalgie. Es kann für Menschen eine tiefe geistliche Erfahrung sein, das Evangelium in der Muttersprache zu hören.
Esperanto als gemeinsame Sprache im Gottesdienst
Zugleich geht es in einer Welt, die immer unübersichtlicher wird, die von Krisen und Kriegen geprägt wird, vor allem um Kommunikation und Verständigung. Eine gemeinsame Sprache zu finden, kann auch einen starken symbolischen Wert haben, sie kann ein Zeichen von Zusammengehörigkeitsein, das über Unterschiede hinweg trägt.
Esperanto: künstliche, politisch neutrale Sprache
Vor diesem Hintergrund wurde Ende des 19. Jahrhunderts Esperanto entwickelt – eine künstliche, politisch neutrale Sprache, die den Menschen eine gemeinsame Verständigungsmöglichkeit bieten sollte. Ziel war es, eine Sprache zu einer Nation „gehört“, sondern allen Menschen zugänglich ist. In den 1920er Jahren fanden in verschiedenen Teilen der Welt tatsächlich Gottesdienste auf Esperanto statt, insbesondere in internationalen christlichen Gemeinschaften, die den Glauben in einer neutralen Sprache feiern wollten. Esperanto sollte als Brücke zwischen den Kulturen und Religionen fungieren.
Trotz dieser Bemühungen setzte sich Esperanto als Gottesdienstsprache jedoch nicht durch. Für viele Menschen ist der Glaube zu tief in der eigenen Muttersprache verankert, und Gebet und spirituelle Erfahrung erhalten in der eigenen Sprache eine besondere Tiefe und Bedeutung. Gebet, Klage, Trost, Segen, all das wirkt am stärksten, wenn die Menschen es in ihrer Muttersprache erleben.
Als Fred Hansen nach dem Gottesdienst Plattdeutsch spricht, klingt es trotz amerikanischem Akzent merkwürdig vertraut. Es klingt nach Kindheit in Niedersachsen, nach Großeltern, die Geschichten erzählen. Inmitten dieser Weltstadt mit Hunderten von Sprachen, die durcheinander schallen, entsteht hier ein Gefühl von Heimat – getragen von einer Sprache, die verbindet.
