Männer leiden immer häufiger an Essstörungen - doch das wird oft übersehen. Die Fallzahlen steigen seit Jahrzehnten stärker als bei Frauen. Wie sich die Symptome unterscheiden - und was die Forschung jetzt ändern will.
Unter Männern sind Essstörungen in den vergangenen Jahrzehnten stärker angestiegen als unter Frauen: Das sagte der Mediziner Georgios Paslakis der Zeitschrift "Psychologie Heute" (Juli-Ausgabe). Seit 1990 hätten die Krankheitsfälle bei Männern um 22 Prozent zugenommen, bei Frauen um zwölf Prozent. Dies werde sowohl in der Forschung als auch gesellschaftlich zu wenig berücksichtigt.
In den Sozialen Netzwerken werde man "von extrem muskulösen Männerkörpern überflutet", erklärte der Leitende Arzt der Bochumer Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. "Das sind bearbeitete, völlig unrealistische Bilder. Eine solche Körperstatur können nur wenige Männer erreichen, und das auch nur mit einseitiger Ernährung und nicht ohne Nahrungsergänzungsmittel oder muskelaufbauende Medikamente."
Bislang dächten Ärztinnen und Ärzte bei untergewichtigen Männern eher an organische Erkrankungen als an Magersucht, fügte Paslakis hinzu. Die internationale Forschung konzentriere sich auf "dünne, weiße, wohlhabende Mädchen". Doch Essstörungen beträfen auch "ältere Erwachsene, Menschen aus ethnisch diversen Gruppen, homosexuelle oder Transgenderpersonen - und eben auch Männer". Schwule Männer seien etwas häufiger betroffen: Sie würden nach wie vor diskriminiert, und "der damit verbundene Stress und die daraus resultierenden Schamgefühle" stellten Risikofaktoren für Essstörungen dar.
Essstörungen zeigten sich bei Männern oft anders, sagte der Wissenschaftler. "Männer mit Bulimia nervosa treiben mehr Sport als Frauen; Männer übergeben sich seltener. Männer mit einer Binge-Eating-Störung erkennen die Essanfälle weniger als solche". Binge-Eating meint den Verlust von Kontrolle über das Essverhalten. Wie eine optimale Behandlung für betroffene Männer aussehen kann, soll laut Paslakis ein weiteres Forschungsprojekt klären; er leitet in Deutschland die einzige Forschungsgruppe zu diesem Thema.