Plötzlich ist alles anders. Die Diagnose macht alle Vorstellungen von der Zukunft zunichte. Krebs. Der Schock sitzt tief. Sämtliche Pläne müssen über den Haufen geworfen werden. Auch Angst vor dem Tod macht sich breit. Wie wird es weitergehen?
Eine schwere Krankheit kann sich anfühlen wie das Ende. Genauso wie die Trennung oder der Tod von geliebten Menschen. Auch der Verlust des Arbeitsplatzes kann als großes Leid erlebt werden. Es entsteht der Eindruck: Das war‘s. Aus und vorbei. Und je älter ein Mensch ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er solche Leiderfahrungen kennt.
Der Autor und US-amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr hat Leiden in einem seiner Bücher so definiert: „Leiden ist, wann immer man die Kontrolle verliert.“ Die Kontrolle über die Gesundheit, das Familienleben oder über die eigenen Emotionen.
Bei Christinnen und Christen führen solche Erfahrungen manchmal zu Zweifeln, zu schweren Zeiten im Glauben. Auch das kann eine Leiderfahrung sein. Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, sagte kürzlich, manche Erlebnisse führten bei ihm zu einer Art Sendepause im Glauben (siehe Meldung unten). Doch würden sie nicht das Ende seines Glaubens bedeuten. Im Gegenteil, sie würden seinem Glauben mehr Tiefe geben.
Menschen reagieren unterschiedlich auf Leid. Manche realisieren ihren Schmerz, wollen sich aber nicht darauf einlassen. Sie laufen Gefahr, den Schmerz an ihr Umfeld weiterzugeben. Andere wollen nicht wahrhaben, dass Leid auch sie treffen könnte. Sie tun, als wäre alles in Ordnung und nichts könnte ihnen etwas anhaben. Sie sind aus dem Gleichgewicht geraten, ohne es zu merken. Das macht es schwer, mit ihnen zu leben. Schließlich besteht immer auch die Gefahr, dass jemand vom Schmerz überrollt wird. Dass er nicht mehr auf Veränderung hoffen will und an seinen Leiderfahrungen zerbricht.
Grundsätzlich gilt: Es ist wichtig, sich dem Leid zu stellen. Wer es schafft, darin nicht das Ende zu sehen, sondern es als Umbruch oder Durststrecke zu deuten, wird daran reifen. Schmerz lehrt uns etwas, was gegen unsere Einsicht geht: Wir müssen immer erst abwärts gehen, bevor wir wissen können, was aufwärts ist. Erst müssen wir den Boden unter den Füßen verlieren, um zu wissen, was Gleichgewicht ist.
Das gilt im persönlichen Bereich, kann aber auch in der großen Politik gelten. Der scheidende Bundespräsident Joachim Gauck rief in seiner Abschiedsrede dazu auf, die Krise in der EU nicht als deren Ende, sondern als Übergangssituation zu sehen. Ein Blick in die Geschichte zeige, dass es „die Menschen immer wieder vermocht haben, eine zunächst als bedrohlich empfundene Entwicklung zu ihrem Guten zu nützen“.
Es ist wichtig, die Hoffnung auf Veränderung nicht aufzugeben und die Chance zu sehen, die in jeder Krise steckt. Am Leid selbst können wir in der Regel nichts ändern. Darüber haben wir keine Kontrolle. Aber wir haben es in der Hand, wie wir damit umgehen.