Suchtbericht – Fachleute fordern Kurswechsel der Politik

Das Bier bleibt günstig und die Politik still: Suchterkrankungen werden zu einer immer größeren Herausforderung. Fachleute und Opposition sehen die neue Bundesregierung in der Pflicht.

Fachleute schlagen Alarm: Sucht stellt ein großes, in manchen Bereichen wachsendes Problem dar. Dies betreffe so unterschiedliche Bereiche wie Alkoholkonsum, steigende Umsätze in der Glücksspielbranche oder auch erhöhte Risiken für ADHS-Betroffene, wie aus dem "Jahrbuch Sucht" hervorgeht, das die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) am Donnerstag in Hamm veröffentlichte.

"Sucht- und Drogenthemen müssen auf einer gesundheitspolitischen Dringlichkeitsskala ganz oben stehen", sagte der DHS-Vorstandsvorsitzende Norbert Scherbaum. Auch Geschäftsführer Peter Raiser appellierte an die neue Bundesregierung: Es gelte, rasch zu handeln - "bei illegalen Drogen, aber gerade auch bei Alkohol, Nikotin und Glücksspielen". Suchterkrankungen vorzubeugen und sie zu behandeln, biete durch vermiedene Folgekosten ein "massives Einsparpotenzial".

Im Einzelnen sei der Durchschnittskonsum von Alkohol in Deutschland weiterhin besonders hoch - auch, weil Alkohol in keinem anderen europäischen Land so erschwinglich sei wie hierzulande. Die Biersteuer sei zuletzt 1993 erhöht worden, auf Wein werde keine Verbrauchssteuer erhoben, kritisierte DHS-Geschäftsführerin Christina Rummel. Dabei zeigten Vergleiche mit anderen Ländern und die Forschung, dass Preiserhöhungen ein effektives Mittel seien, um den Alkoholkonsum zu senken.

Ebenso sei das Rauchen weiterhin sehr verbreitet: Ein knappes Drittel der Bevölkerung (30,4 Prozent) griff laut Jahrbuch im vergangenen Jahr zum Glimmstängel. Unter jungen Menschen sei dieser Anteil geringer - sie nutzten allerdings verstärkt sogenannte verwandte Nikotinprodukte wie E-Zigaretten, Tabakerhitzer oder Wasserpfeifen. Auch der Gesamtabsatz von Fertigzigaretten sei erstmals gestiegen.

Weiterhin sei zunehmender Mischdrogengebrauch zu beobachten, heißt es: 1,2 Prozent aller Jugendlichen und 3,6 Prozent der Erwachsenen hätten im vergangenen Jahr mindestens eine illegale Droge konsumiert. Vor allem Amphetamine und neue psychoaktive Stoffe spielten eine wachsende Rolle. Als Grund für deren Konsum werde am häufigsten "Spaß haben" genannt. Mancherorts tauchten verstärkt Crack und Fentanyl auf - Entwicklungen, auf die sich die Drogenhilfe einstellen müsse: Mit diesen Substanzen verschlechterten sich Gesundheit und soziale Situation meist "rapide und dramatisch".

Auch die Todeszahl durch Alkohol und Tabak schockierten jedes Jahr neu, erkärte Ates Gürpinar, Experte für Gesundheitspolitik bei der Linken-Bundestagsfraktion. Die Politik schaue jedoch weg: "Der Profit der Suchtmittelindustrie zählt offenbar mehr als Menschenleben." Im Koalitionsvertrag werde das Thema mit keinem Wort erwähnt, kritisierte Gürpinar. Statt Hysterie bei Cannabis brauche es "endlich Werbeverbote, konsequente Regulierung und Therapieangebote".

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