Suche nach dem Paradies auf Erden

Bundeskunsthalle in Bonn zeigt Ausstellung über Lebensreformen

Sie hatten lange Haare und Bärte, trugen Schlabberpullies und lebten in Kommunen: Mit ihrem Outfit und Lebensstil sorgten die Hippies und „Ökos“ in den 1960er und -70er Jahren für Empörung. Dabei waren die Erfindung dieses Kleidungsstils und auch die Ideen eines alternativen Lebensstils gar nicht so neu. „Der Pionier der Lebensreformbewegung, Karl Wilhelm Diefenbach hat diesen Look kreiert“, erklärt Robert Eikmeyer, Ko-Kurator der Ausstellung „Para-Moderne. Lebensreformen ab 1900“. Schon Ende des 19. Jahrhunderts gründete er eine der ersten Kommunen. Es war der Beginn einer Folge von Reformbewegungen, die sich bis heute in gesellschaftlichen Trends niederschlagen.

Mit einer großen Ausstellung über die Lebensreformbewegungen zeichnet die Bundeskunsthalle ab Freitag eine Entwicklung von der Zeit um 1900 bis in die 1960er Jahre nach. In acht Kapiteln werden Zeugnisse der verschiedenen Reformbewegungen in den Bereichen Design und Lebenskultur gezeigt. Und es wird deutlich, wie sich die Ideen der Lebensreformer in den Kunstströmungen des Jugendstils und des Expressionismus spiegelten. Zu sehen sind unter anderem Werke von Wassily Kandinsky, Ernst Ludwig Kirchner und Làzló Moholy-Nagy. Mit dem Gemälde „Nuda Veritas“ von Gustav Klimt präsentiert die Ausstellung ein Schlüsselbild des Jugendstils.

Die Schau, die bis zum 10. August zu sehen ist, blickt zunächst zurück auf die ersten Anfänge alternativer gesellschaftlicher Bewegungen in den Reformkolonien, wie sie um 1900 entstanden. Dabei wirft die Ausstellung Licht auf lange vergessene gesellschaftliche Experimente, die jedoch durchaus Folgen hatten. So war etwa der 1897 von Diefenbach gegründete „Himmelhof“ bei Wien Vorreiter für weitere Reformprojekte. Diefenbach legte seine Philosophie von der Erlösung der Menschheit in einem Paradies auf Erden in einem 68 Meter langen Silhouetten-Fries dar, der aus 34 Zeichnungen besteht. Das naturnahe Leben in der Gemeinschaft und die Anwendung von Naturheilverfahren sah er als Rettung und Auftrag.

Bekannter wurde die Siedlung Monte Verità am Lago Maggiore, die 1900 von einem seiner Anhänger gegründet wurde. Die Reformkolonie zog auch viele Kreative an. Der Schriftsteller Hermann Hesse kurierte hier seine Lebenskrise in einer der Lichtlufthütten. Zahlreiche Fotografien zeugen auch von den Aufenthalten der Pionierin des Ausdruckstanzes, Mary Wigman, die auf den Wiesen am See tanzte. Auch Künstlerinnen und Künstler der Dada-Bewegung wie Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp, Hugo Ball und Emmy Hennings waren hier zu Gast.

Doch wie kam es, dass gerade in der Zeit um die Jahrhundertwende die Suche nach alternativen Lebensformen Fahrt aufnahm? „Tatsächlich ähnelt die Welt um 1900 auf frappierende Weise unserer heutigen“, sagt Eikmeyer. Es gab einen Schub an Erfindungen und Entwicklungen im Bereich Telekommunikation, Massenmedien und Konsumgüter. Damals waren das die Erfindung des Telefons, die Verbreitung von Printmedien durch neue Druckverfahren und die industrielle Massenfertigung von Konsumgütern. In der Philosophie stand Friedrich Nietzsches berühmter Satz „Gott ist tot“ für einen erschütterten Glauben an einen allmächtigen Gott.

Aus diesem verlorenen Glauben sei das Bestreben gefolgt, schon auf der Erde paradiesische Zustände zu erzeugen und möglichst lange zu leben, sagt Eikmeyer. Die Gesunderhaltung des Körpers ist daher einer der Trends der Reformbewegung, die bis heute nachhallen. Die Ärztin und Gymnastiklehrerin Bess Mensendieck entwickelte zum Beispiel in den 1920er Jahren ein „funktionelles Frauenturnen“, das äußerst populär war. Nicht alle Versuche, ein paradiesisches und gesundes Leben zu führen, erwiesen sich allerdings als erfolgreich. So wanderte der Nürnberger August Engelhardt 1902 auf eine Insel in die Südsee aus, um dort in den Naturzustand zu finden, indem er sich ausschließlich von Sonne und Kokosnüssen ernährte. Er und seine kleine Gemeinde litten unter Mangelernährung und Engelhardt selbst starb entkräftet.

Die Ausstellung zeigt, dass die Reformbewegung auch Schattenseiten hatte. Ein Beispiel dafür ist Paul Schultze-Naumburg, der zunächst als Kleidungsreformer und Heimatschützer bekannt wurde. Doch sein Plädoyer für „Natürlichkeit“ mündete schließlich in Rassismus. Mit seinem Buch „Kunst und Rasse“ wurde er zum Vordenker der NS-Kulturpolitik. Eine eigens für die Ausstellung geschaffene Video-Installation des Kölner Künstlers Marcel Odenbach befasst sich mit dem unheilvollen Wirken Paul-Schultze-Naumburgs.

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