Rätselhaftes Arte-Drama überzeugt mit leisen Zwischentönen

Eine lohnende Irritation

Eine Frau lässt von einem Tag auf den anderen Mann und Kinder zurück und fängt ein neues Leben an. Ein französisches Melodram folgt ihrem Weg - mit überraschenden Wendungen.

Eine junge Frau packt eines frühen Morgens ein paar Kleider und einigen Krimskrams in eine Reisetasche. Sie setzt sich ins Auto und fährt los. Weg vom Haus, in dem sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern wohnt. Weg aus dem Ort, an dem sie - vielleicht, oder gar wahrscheinlich - auch glücklich war. Begründungen für ihren plötzlichen Aufbruch, derweil der Rest der Familie noch schläft, eröffnet Mathieu Amalric in "Für immer und ewig" den Zuschauern (vorerst) nicht. Arte zeigt den Spielfilm am 22. Mai ab 23.50 Uhr zeigt.

Clarisse (Vicky Krieps) fährt von dannen: Eine Frau in einem Oldtimer, Baujahr 1978 oder 1979, so genau weiß Clarisse das nicht, als sie bei einem Zwischenhalt von einem Passanten danach gefragt wird. Das Tonbandgerät, von dem sie unterwegs Kassetten mit selbst Aufgezeichnetem abspielt, dürfte ähnlich alt sein.

"Für immer und ewig" lebt weniger von der sichtbaren Handlung als von den emotionalen Zuständen und innerlichen Entwicklungen seiner Protagonistin und ihrem Verhältnis zu ihren engsten Angehörigen. Während Clarisse Auto fährt, hört sie Musik. Oft Klavieraufnahmen ihrer halbwüchsigen Tochter Lucie, die von einer Karriere als Pianistin träumt.

Clarisse beschreibt die Zukunft der von ihr zurückgelassenen Familienmitglieder in einem orangefarbenen Notizbuch, das sie in ihr neues Leben begleitet. Sie ist nun an einem anderen Ort anzutreffen. In einem Ort irgendwo am Meer, an dem es einen Fischmarkt gibt und ein Hafenmuseum, in dem sie zeitweilig als Fremdenführerin für deutschsprachige Touristen jobbt. Man trifft Clarisse in einer Bar, in einer Disco, im Gespräch mit der Barkeeperin und mit Zufallsbekanntschaften.

Oft sitzt sie auch allein irgendwo. Blättert in ihrem Notizbuch, starrt gedankenverloren vor sich hin, um dann unmittelbar in Dialog zu treten mit den drei Menschen, die sie zurückgelassen hat in diesem Haus, in dem sie davor zusammenlebten. Manchmal antworten ihr Marc, Lucie und Paul, und dann scheint Clarisse glücklich zu sein.

Die Zeit in "Für immer und ewig" vergeht. Doch nicht stringent chronologisch, sondern sprunghaft. Nicht nur vorwärts in die Zukunft, sondern manchmal auch unverhofft zurück in die Vergangenheit. Man erfährt, wie Clarisse und Marc sich in einem Club kennenlernten, wie Marc, einige Jahre nachdem Clarisse aus seinem Leben verschwunden ist, für Paul ein Baumhaus baut. Man sieht, wie Lucie in jenes Zimmer umzieht, das Clarisse früher bewohnte, und wie sie wenig später den lang ersehnten Flügel bekommt. Sie ist nun eine Jugendliche und übt für die Aufnahmeprüfung ans Konservatorium in Paris; Paul ist als Teenager mit Eishockey beschäftigt.

Vieles an "Für immer und ewig" erscheint rätselhaft. Am meisten irritiert, dass die Familie auf Clarisses Weggang kaum reagiert. Sie scheint ihren Alltag zu leben wie gewohnt. Marc kümmert sich um die Kinder, Paul heftet einen Einkaufszettel, den Clarisse auf dem Küchentisch liegen ließ, an den Kühlschrank. Lucie sitzt wann immer möglich am Klavier ... Bis nach rund der Hälfte des Films ein Schlüssel zu des Rätsels Lösung auftaucht und Clarisse einen neuen Kontaktversuch zu ihrer Familie unternimmt.

"Für immer und ewig" ist keine leichte Kost, aber ein großartiger Film. Er fordert von Publikum Wachsam- und Aufmerksamkeit, ein Hören auf leise Zwischentöne, das Sich-Einlassen auf das Verschobene und aus den Fugen Geratene, das Auseinanderbrechen auch einer Familie nicht aus Gründen der Disharmonie, eines Zerwürfnisses oder eines schleichenden Auseinanderlebens. Wirklich abhanden kommen Clarisse, Marc, Lucie und Paul einander nämlich nicht. Aber sie müssen - oder vor allem: Clarisse muss lernen, ihren Liebsten in einer neuen und anderen Wirklichkeit zu begegnen.

Es lohnt, sich auf diesen Film und seine vermeintliche Irrealität einzulassen. Denn "Für immer und ewig" lotet eine Grenze aus, die auch in der Realität so scharf nicht gezogen ist. Dass dies gelingt, ist zu großen Teilen das Verdienst von Vicky Krieps, die dieser in ihrer immensen Trauer alleingelassenen Frau und Mutter nicht nur ein Gesicht gibt, sondern sie mit fast schon schmerzhafter Intensität spielt.

Mag "Für immer und ewig" anfangs den Eindruck erwecken, fahrig ins Ungewisse hinaus erzählt zu sein, so verdichtet sich seine Erzählung allmählich und zieht mit der ihr innewohnenden Tragik zunehmend in Bann. Tatsächlich gelingt die Darstellung der Verarbeitung eines Traumas auf Leinwand nur selten so "wahrhaftig" wie in diesem Film, in dem Wirklichkeit und Imagination, äußeres und inneres Erleben der Protagonistin unmittelbar ineinander verschmelzen.

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